Arche und Archäologie Noahs Vorbild

Noahs Arche auf einem Bild des Malers Edward Hicks aus dem Jahre 1846. Sintflut-Mythen kannten verschiedene Kulturen in aller Welt - von den Mesopotamiern bis zu den Azteken Mittelamerikas.

Die Sintflut ist ein biblisches Zentralmotiv. Allerdings ist es nur die Variante eines deutlich älteren Mythos aus dem Zweistromland. Nun bestätigt eine 3700 Jahre alte sumerische Tontafel spektakuläre Details - inklusive einer detaillierten Anleitung zum Bau einer Arche.

Von Markus C. Schulte von Drach

Es ist eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel und eines der Zentralmotive im Judentum, Christentum und Islam: Noah wird von Gott aufgefordert, eine Arche zu bauen. Für seine Familie und für jeweils ein weibliches und männliches Tier jeder Art. Denn die Menschheit soll für ihre Verfehlungen mit einer gigantischen Flut vernichtet werden.

Die Geschichte von der Sintflut taucht im Religionsunterricht und in jeder Kinder-Bibel auf, weil sie eindringlich die Macht und Verfügungsgewalt Gottes über die Menschen und seinen Bund mit ihnen beschreibt. Und es ist der Stoff für große Hollywood-Dramen, wie der Film "Noah" von Darren Aronofsky mit Russel Crowe in der Hauptrolle belegt, der im April in die Kinos kommt. Neben "Exodus" von Ridley Scott ist das gleich der zweite bibelfeste Film dieses Jahr.

Die biblische Erzählung von dem einen Gottgefälligen, der das Überleben des Menschengeschlechts gewährleistet, hat Forscher und Theologen in der Vergangenheit schon dazu bewegt, die Gestalt des Schiffes anhand der Zahlen im biblischen Buch Genesis genau nachzuvollziehen. Fossilien ausgestorbener Tiere wurden für Opfer der globalen Hochwasserkatastrophe gehalten. Am Berg Ararat im Osten der Türkei, wo die Arche nach der Sintflut angelandet sein soll, wurde nach Überresten des Schiffes gesucht.

Flutkatastrophen im Nahen Osten, so wurde und wird vermutet, könnten reale historische Ereignisse gewesen sein, die sich in der Erzählung widerspiegeln. Und zumindest an dieser Vermutung dürfte etwas dran sein. Tatsächlich waren Hochwasser im fruchtbaren Halbmond der Levante - den Ländern an den östlichen Mittelmeerküsten - und Mesopotamiens - heute der Norden und Osten Syriens und des Iraks - nichts Ungewöhnliches.

Besonders Euphrat und Tigris, die Flüsse des Zweistromlandes, waren einerseits die Lebensgrundlage für die Hochkulturen der Sumerer, Assyrer und Babylonier seit dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeit. Andererseits aber lösten sie auch immer wieder schwere Überschwemmungen aus. Und im Westen Mesopotamiens befanden sich auch die Königreiche der Israeliten.

1872 als sumerischer Mythos entlarvt

Hat es demnach eine Sintflut, einen Noah und eine Arche vielleicht tatsächlich gegeben? Wenn ja, dann zumindest nicht so, wie es in der Bibel steht. Und die Juden waren auch nicht die ursprüngliche Quelle der Legende. Seit 1872 ist bekannt, dass schon die Sumerer einen nahezu identischen Sintflut-Mythos kannten. George Smith übersetzte damals am British Museum in London Keilschriften auf Tontafeln und entdeckte dort die Geschichte eines Mannes, der von einem Gott aufgefordert wurde, ein Schiff zu bauen, da andere Götter die Menschen mit einer Flut vernichten wollten. Und so hing das Schicksal der Menschheit und auch der Tiere an einem einzigen Mann.

Die Tontafeln stammten aus der antiken Stadt Ninive im heutigen Irak. Nach der ersten Veröffentlichung finanzierte die britische Zeitung Daily Telegraph 1873 eine Expedition von Smith nach Ninive, wo dieser tatsächlich noch etliche Tafeln fand. Und inzwischen ist klar, dass es den Mythos von der Sintflut in Mesopotamien sogar zweimal gab:

  • Die ältere Erzählung handelte von einem Sumerer namens Astrahasis, Sohn des Königs der Stadt Schuruppak.
  • Diese Geschichte wurde dann in das Gilgamesch-Epos übernommen, der ältesten überlieferten Dichtung der Menschheitsgeschichte. Hier erzählt Utnapischtim, König der sumerischen Stadt Schuruppak, dem Helden Gilgamesch, dass er vom Gott Enki aufgefordert wurde, eine Arche zu bauen, mit der seine Familie, weitere Menschen und Tiere vor der bevorstehenden Flut bewahrte. Das Schiff landete schließlich am Berg Nisir (Nimus), der als Insel aus den Fluten ragte. Hier ließ Utnapischtim eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben fliegen, um zu prüfen, ob das Hochwasser zurückging.

Beide Erzählungen dürften mehr als 3500 Jahre alt sein - und damit mehr als tausend Jahre älter als dieser Teil des Alten Testaments. Diese wurde vermutlich erst etwa 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung schriftlich festgehalten. Damals waren die Juden erst seit einigen Jahrzehnten aus dem babylonischen Exil in ihre Heimat im Westen Mesopotamiens zurück. Demnach haben die Autoren des Noah-Textes das Gilgamesch-Epos wohl gekannt.

In einigen Punkten passten sie die Geschichte offenbar ihren eigenen religiösen Überzeugungen an. So fügten sie aus mehreren mesopotamischen Göttern einen einzigen Gott Jahwe zusammen, der in der Bibel deshalb "etwas inkohärent wirkt", wie es der katholische Theologe und Alttestamentler Othmar Keel von der Universität Fribourg in seinem Buch "Gott weiblich" feststellt.

Auch die Form der Arche war bei den Juden eine andere als bei den Mesopotamiern. Noah sollte sie aus Zedernholz mit einer Länge von mehr als 130 Metern, einer Breite von etwa 22 Metern und einer Höhe von etwa 13 Metern errichten. Damit hatte sie ein für Schiffe heute noch ziemlich typisches Format. Im Gilgamesch-Epos allerdings war die Arche so lang wie breit, was als quadratisch oder gar würfelförmig interpretiert wurde.