Die Toten haben allem Anschein nach einer reichen und mächtigen Familie angehört. Zwar lebten jene vier Männer, fünf Frauen und ein kleines Mädchen in kriegerischen Zeiten, aber sie waren vor bewaffneten Angriffen offenbar geschützt. Jedenfalls weisen die Skelette keine Spuren von Verletzungen auf.
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Die Gräber der Männer waren eher spärlich ausgestattet, sagt Frau Haas-Gebhard, im Vergleich zum Mittelalter also mickrig. Umso üppiger aber waren die Frauengräber bestückt. Dort kamen einzigartige Objekte zum Vorschein, die schon damals von unschätzbarem Wert gewesen sein müssen. Der Leiche einer jungen Frau hatte man einen Schleier mit golddurchwirkter Borte aufs Haupt gelegt. Im Halsbereich lagen zwei Vogelfibeln neben den Glasperlen einer Halskette. Die größte Sensation aber sind die beiden identisch gearbeiteten Scheibenfibeln, die auf dem Steißbein der Toten lagen. Dargestellt sind auf ihnen vier sich jeweils paarweise anblickende Raubvögel mit ausgebreiteten Schwingen.
Als völlig neu für diese Zeit gelten goldbesetzte Stirnbänder und Fibeln, die mit Edelsteinen aus Indien besetzt sind und frühe Christussymbole wie Fisch und Adler tragen. Auch die Reste von feinster Seide sind ungewöhnlich. "Wir haben aus dieser Zeit zwischen 480 und 520 keine Hinweise auf solch hochwertige Textilien", sagt Frau Haas-Gebhard.
Die im Hachinger Tal ansässige Familie war also in der Lage, sich mit Seide aus China, Edelsteinen aus Rajahstan und Schmuckstücken aus den Goldschmiedewerkstätten des Südens zu versorgen. Seide war bislang in Bayern kaum nachzuweisen, erst vor wenigen Jahren wurde in einem Grab bei Ergolding/Landshut aus dem 7. Jahrhundert erstmals überhaupt im bayerischen Raum der Nachweis dafür erbracht.
Der Fund von Unterhaching gibt den Archäologen und Historikern Hoffnung, das geheimnisvolle frühe 6. Jahrhundert in Bayern doch noch zu enträtseln. Die Familie hatte offenbar eine hohe Machtstellung in der Zeit der Wirrnisse nach dem Untergang des Römerreichs. War sie noch reströmischer Provenienz, oder hatte sie mit Theoderich (493-526) zu tun, der in Altbayern Germanen aus allen Himmelsrichtungen ansiedelte? Oder gehörte sie zu dem Verbund, aus dem die bajuwarischen Herrschaftsträger hervorgingen, die zusammen mit den aus dem Frankenreich kommenden Agilofingern die früheste Spitze des Bajuwarenstammes bilden sollten - und damit den Grundstein legten für den ältesten Staat Europas, als der sich die Bayern noch heute gerne rühmen?
Die Fundstücke werden gerade für eine große Ausstellung vorbereitet, die im kommenden Januar in der Archäologischen Staatssammlung zu sehen sein wird. Und zwar zusammen mit ähnlich spektakulären Funden aus aller Welt wie der ostgotischen Adlerfibel von Domagnano, einem Symbol der Völkerwanderugnszeit, einem koptischen Grabstein aus Ägypten und alter Seide aus China.
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(SZ vom 27.06.2009/beu)
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