Archäologie So speisten die alten Römer in Frankreich

Ausgrabung im antiken Lattara: So interpretieren die Archäologen die Raumaufteilung in der römischen Taverne.

(Foto: Séverine Sanz)
  • In Lattes in Südfrankreich haben Archäologen ein Gebäude ausgegraben, das sie für eine mehr als 2000 Jahre alte römische Taverne halten.
  • In einem Küchenraum fanden sie drei große Öfen und Mahlsteine, in einem anderen umlaufende Bänke, Speisereste und Trinkgefäße.
  • Möglicherweise kam mit den römischen Eroberern die Idee des "Auswärtsessens" in der Taverne in die keltische Provinz, in der es vorher allenfalls kommunale Speiseräume gab.
Von Esther Widmann

Lattara, das heutige französische Lattes, war bereits eine lebhafte keltische Hafenstadt am Mittelmeer, als die Gegend zwischen 125 und 121 v. Chr. von den Römern erobert wurde. Daran änderte sich auch erst mal nichts, doch mit den Eroberern kamen neue Lebensgewohnheiten. Einige Menschen begannen womöglich, mehr Handel zu treiben und weniger Lebensmittel selbst zu produzieren und zu verarbeiten. Und möglicherweise, so vermuten Archäologen von der Universität Montpellier und dem Gettysburg College im Fachmagazin Antiquity, brachten die Römer auch die Idee des Auswärtsessens mit - und damit die Taverne.

Denn eine ebensolche - und die älteste ihrer Art in der Gegend - glauben die Forscher jetzt identifiziert zu haben. Strategisch günstig an der Kreuzung zweier wichtiger Straßen und in der Nähe eines Stadttores gelegen fanden sie ein Gebäude mit einem Raum zur Zubereitung von Speisen und einem damit verbundenen Zimmer mit Bänken - dem Gastraum. Die Räume mit einfachen Böden aus gestampfter Erde gruppieren sich um einen Innenhof. Das ist in Lattara nicht ungewöhnlich. Dass es sich um eine Taverne handeln könnte, machen die Forscher an der Menge von Küchenausstattung fest, die den Bedarf eines Privathaushalts übertrifft: In dem einen Raum waren drei große, glockenförmige Öfen installiert, dazu drei Steinunterlagen, auf denen vermutlich Mahlsteine standen.

Ein Raum mit drei Öfen und Unterlagen für Mühlsteine - die Küche einer römischen Taverne?

(Foto: Benjamin Luley)

Vor allem Fischköpfe

In den lateinisch clibanus genannten Öfen konnten Fladenbrot und vielleicht auch andere Speisen zubereitet werden. Die in der Küche gefundenen Knochen von Rindern und Schafen stammen nach bisherigem Stand der Analyse von ganz bestimmten Fleischstücken, außerdem wurden auch Überreste von Fisch entdeckt, vor allem Fischköpfe. Das deutet auf die Zubereitung, nicht den Verzehr von Speisen hin.

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Im angrenzenden Raum verläuft eine aus Erde gebaute Bank entlang der Wände. In der Mitte des Raumes befand sich eine Feuerstelle. Mit ihrer U-Form erinnert die Bank in diesem Raum nicht nur an andere Strukturen aus vorrömischer Zeit - sondern auch an das römische triclinium, den Speiseraum mit drei in U-Form aufgestellten Liegen, auf denen die Essenden Platz nahmen.

Die Reste einer an den Wänden entlanglaufenden Bank aus Erde - hier vermuten die Forscher den Gastraum der römischen Taverne.

(Foto: Benjamin Luley)

Viele Trinkschalen und große Serviergefäße

Auch die Keramikscherben in dem Gebäude unterscheiden sich von denen in den anderen Häusern in Lattara: Zwar gibt es überall Krüge, aus Italien importierte Trinkschalen und Essteller, sowie lokal hergestellte Schüsseln und Kochtöpfe. Doch nach Ansicht der Archäologen deutet der besonders hohe Anteil von Trinkschalen und großen Serviergefäßen darauf hin, dass hier eine größere Zahl von Menschen bedient wurde. Vorstellbar sei etwa, schreiben die Forscher, dass sich mehrere Gäste, auf den Bänken sitzend, das Essen aus einer großen Schale teilten. Dass sie das in den Öfen gebackene Fladenbrot als "Teller" benutzten, jeder eine Trinkschale neben sich.

Beweisen lässt sich die These von der Taverne nicht: Die Archäologen geben zu, dass es schwierig ist, zwischen einer Gaststätte und einem kommunalen Essraum zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass die Ausgräber in diesem Gebäude keine einzige Münze gefunden haben - merkwürdig, wenn es sich um ein kommerzielles Unternehmen handeln soll.

Der Befund in Lattara ist außergewöhnlich

Sera Baker, die an der Universität von Nottingham zu Ladengeschäften in Pompeji forscht, hält die Interpretation als Taverne für plausibel, vor allem wegen der großen Anzahl von Trinkgefäßen. "Vielleicht wollte der Besitzer der einheimischen Bevölkerung die Idee eines kleinen Lokals, in dem man Wein und Essen bekommen konnte, nahebringen", sagt Baker. "Und es ist durchaus denkbar, dass keine Münzen gefunden wurden, weil die Wirtschaft noch nicht vollständig monetarisiert war und mehr Tauschhandel betrieben wurde."

Zwar sind aus Pompeji oder aus Rom römische Gaststätten bekannt. Der Fund in Lattara ist aber vor allem deshalb so außergewöhnlich, weil er aus der Provinz im heutigen Südfrankreich und zudem aus der Zeit direkt nach der römischen Eroberung der Gegend stammt. Die mehr oder weniger freiwillige Vermischung zwischen römischer und indigener Bevölkerung und ihren Bräuchen und Gepflogenheiten ist vielerorts noch unerforscht. Nicht auszuschließen, dass alte und neue Einwohner in Lattara zusammen in der Taverne saßen und gallisch-römische Fusionsküche genossen.

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