Archäologie-Serie Spricht hier jemand Protoelamisch?

Solche Tontafeln werden an der University of Oxford untersucht.

(Foto: Jacob L. Dahl)

Bereits vor 5000 Jahren entwickelten die Menschen im heutigen Iran ein Schriftsystem. Niemand weiß, um welche Sprache es sich handelt oder wie die Wörter zu lesen sind. Trotzdem können Forscher die Texte verstehen.

Von Esther Widmann

Vor mehr als 5000 Jahren in Elam, in der Gegend, die heute Iran heißt, begannen die Menschen, sich zu spezialisieren. Manche wurden Töpfer, andere Siegelschneider. Dabei hatte die zentralisierte Verwaltung der Königshäuser ein Auge auf die Produktion der Handwerker und ebenso auf die Ernte und den Tierbestand der Bauern. Und für diese Aufgabe brauchte es eine ordentliche Dokumentation. Deshalb hatte man sich ein Schriftsystem ausgedacht, nach dem die Schreiber Zeichen in Tontafeln ritzten, mit langen Listen von Gütern und Waren, Menschen und Zahlen, in einem aus heutiger Sicht kompliziert scheinenden Zählsystem.

Ende des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten Täfelchen mit dieser sogenannten protoelamischen Schrift bei Ausgrabungen vor allem in der antiken Stadt Susa auf. Weil es Listen von Zahlen und Waren sind, konnten Schriftexperten zwar erahnen, worum es geht, etwa um Getreide für den Tempel, Bier für den Arbeiter. Aber niemand weiß, wie man die Wörter ausspricht. Die Sprache der Elamer ist bis heute unbekannt.

Was steht denn da?

Die SZ-Serie beschäftigt sich mit Schriften, die noch niemand entziffert hat. Letzte Folge: Die Rongorongo-Schrift.

Der Assyriologe Jacob Dahl von der Universität Oxford hangelt sich an dem entlang, was bisher bekannt ist: Dass es verschiedene Kategorien von Zeichen gibt - Zeichen, die ein Individuum oder einen Tempel darstellen; Zeichen für sozialen Status, Geschlecht oder Alter; Zeichen für zählbare Dinge, auch Menschen und Tiere; numerische Zeichen; und schließlich Zeichen, die andere Zeichen irgendwie näher beschreiben. Neben der Anzahl und den Wiederholungsmustern deutet auch der Umstand, dass diese Zeichen grafisch nicht mit den anderen verwandt sind, auf eine andere Bedeutung. Womöglich handelt es sich um Silben, mit denen Personennamen geschrieben wurden, doch das lasse sich nicht beweisen, sagt Dahl.

Für die Entzifferung der Strichschrift ebenso wichtig ist das Zahlensystem. Der Schwede Jöran Friberg schaffte mit dessen Entschlüsselung Ende der 1970er-Jahre einen großen Durchbruch. Basierend auf den Zahlenangaben zur Größe der Herden und dem Verhältnis von weiblichen Tieren zu Milchprodukten hat Dahl kürzlich eine Entzifferung der Wörter für Schaf und Ziege vorgeschlagen.

Dahl arbeitet an einer vollständigen Liste der Zeichen, was gar nicht so einfach ist. Die Schwierigkeiten beginnen schon damit, dass viele der etwa 1600 bekannten Tontafeln mit protoelamischer Schrift schlecht dokumentiert sind. Dahl hat zudem festgestellt, dass die Schreiber zwischen 3300 und 3000 v. Chr. das gleiche Zeichen in verschiedenen Variationen schrieben. Offenbar war der Zeichenkanon noch nicht standardisiert, das Schriftsystem entwickelte sich ständig weiter - und verschwand um 3000 v. Chr. ganz.

Was damals in Elam passierte, weiß noch niemand. Vielleicht erfolgte eine Invasion? Über einen Zeitraum von 800 Jahre jedenfalls gab es in Elam überhaupt keine Schrift, und als die Menschen wieder anfingen, Dinge aufzuschreiben, taten sie das mit einem ganz anderen System - und vielleicht auch einer anderen Sprache. Doch es ging wieder um Waren, Menschen und Tiere.

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