Archäologie in Niedersachsen Als die Welfen-Truppen kamen

Zahlreiche Archäologen und Techniker aus aller Welt haben das mittelalterliche Nienover visuell rekonstruiert. Der Untergang erfolgte plötzlich - ein Glück für die Forscher.

"Es gehören eine Menge Kenntnis und Fantasie dazu", sagt Prof. Hans-Georg Stephan (Halle). "Doch wir können jetzt aus den bis zu zwei Meter dicken Mauern der unterkellerten Gebäude, dem Straßenpflaster mit seinen Spuren schwerer eisenbereifter Karren und den rotbraunen Verfärbungen zahlreicher Schmiede- oder Schmelzfeuer im Erdreich eine einst blühende Montanstadt erkennen", erläutert er.

Hans-Georg Stephan steht vor Mauerresten einer früheren romanischen Kirche in Nienover. Stephan leitet ein internationales Archäologenteam, das seit vier Jahren eine mittelalterliche Stadt im Solling ausgräbt.

(Foto: Foto: dpa)

"Wenn wir jetzt alle Ausgrabungsergebnisse zusammenführen, entsteht ein ganz klares Bild über eine der größten Stadtwüstungen in Nordeuropa", sagt der Wissenschaftler begeistert. Doch Neugierigen, die die 500 mal 300 Meter große Hangwiese neben dem Schloss Nienover betreten, sind eher enttäuscht: Es ist wenig zu sehen.

Denn immer, wenn die Forscher - zur Zeit arbeiten an vier Grabungen etwa 90 Archäologen und Hilfskräfte - eines der bisher 25 freigelegten bis zu 20 Meter langen Gebäudereste im Boden untersucht haben, werden die Gruben wieder zugeschüttet. Die Funde - Scherben, Metallteile oder Münzen - werden täglich in den Magazinen gesammelt.

Stephan zieht eine unscheinbare Münze aus der Tasche: "Allein an diesem kleinen Geldstück aus einem der Häuser wird Geschichte lebendig." Auf den ersten Blick ist es ein englischer Penny. Doch die Rückseite ziert das Bild eines Klosterheiligen oder Abtes aus der Region. "Diese Münzen wurden nachgeprägt, vielleicht sogar in Nienover", meint Stephan. "Der Penny war eine besonders gute, weiträumig akzeptierte Handelsmünze. Der Handel mit den Eisen- und Bronzewaren lief weitgehend über Kaufleute aus Köln."

Zwei Mal wurde das von 1180 bis 1190 errichtete Nienover zerstört. Das zeigen die roten Brandhorizonte im Boden und verkohlte Holzreste: Das erste Mal im Jahr 1220, wahrscheinlich durch die Truppen des Bischofs von Paderborn, und 1270 von den streitbaren Welfen.

Rund 150 mit Holzschindeln gedeckte Lehm-Fachwerkgebäude haben nach Untersuchungen des Kieler Bodenkundlers Prof. Hans-Rudolf Borck in der durch einen tiefen Graben und einen von Palisaden erhöhten Wall geschützten Stadt gestanden. Die Reste der Stadtbrände im Boden, Pfeilspitzen und Armbrustbolzen zeugen von heftigem Kampf.

Die Bewohner müssen danach ihre brennenden Häuser eilig verlassen haben. "In einer Kellerecke fanden wir eine aufgebrochene Münzrolle mit Dinaren. Andere Geldstücke lagen zwischen Scherben eines zerbrochenen Kruges oder waren wie bei schneller Flucht im Raum zerstreut", sagt Stephan. "Sterlinge aus der Münzstätte Canterbury, Dickpfennige aus Corvey oder mecklenburgische und pommersche Hohlpfennige lagen im Brandschutt anderer Häuser."

Metalle wie Silber, Bronze und Eisen in allen Verarbeitungsstufen wurden gefunden. "In vielen Häusern gruben wir einen Schmelzofen oder eine Schmiedestelle aus", schildert Stephan, der die untergegangene Stadt wiederentdeckte. "Da gab es Plätze, wo schwere Bronzeglocken, Buchbeschläge oder Schmuck gegossen wurden, oder große Feuerstellen, an denen eiserne Radreifen, Schwerter, Lanzen, Baubeschläge oder Nägel geschmiedet wurden." Aber auch eine Brauerei mit tiefem Keller und drei eng beieinander stehenden Brunnen entdeckte das Grabungsteam.

"Unsere Anfangsthese, dass die Eisenarbeiter, Gießer und Silberschmiede und ihre Familien die Stadt verlassen hatten, weil wegen der vielen Schmiedefeuer kein Baum mehr im Umkreis von vielen Kilometern stand, haben wir fallen gelassen", sagt der Archäologe. "Auch die Pest war es nicht oder die Ausbeutung der erreichbaren Erzlager. Wir glauben, die Überlebenden der Kämpfe gingen weg und ließen sich in anderen Städten nieder."