Archäologie "Heinrich der Gute" bekommt seinen Kopf zurück

Bereits 2010 waren sich die Fachleute überzeugt, den Kopf des französischen Königs Heinrich IV. identifiziert zu haben. Nun scheint eine DNA-Analyse dies zu bestätigen.

(Foto: AFP)

Während der Französischen Revolution war der Leichnam des Königs Heinrich IV. geschändet worden, danach war sein Kopf verschwunden. Die Suche nach dem gekrönten Haupt entwickelte sich zum Historienkrimi. Nun ist er gelöst. Der Kopf soll in der Kathedrale von Saint-Denis wieder mit dem Körper vereint werden.

Von Stefan Ulrich

Die Franzosen preisen ihn als "Heinrich den Guten", weil er, 1589 auf den Thron gelangt, die Religionskriege im Land beendet und ein Herz fürs Volk gezeigt hatte. Zuletzt geisterte er jedoch als Heinrich ohne Kopf durch die Geschichte. Die Suche nach dem gekrönten Haupt entwickelte sich zum Historienkrimi. Nun ist er gelöst. Der Kopf Heinrich IV. ist gefunden und soll bald in der Kathedrale von Saint-Denis wieder mit dem Körper vereint werden. Alles wird gut mit Heinrich dem Guten.

Eine Forschergruppe um den Gerichtsmediziner Philippe Charlier - auch "Indiana Jones der Friedhöfe" genannt - veröffentlichte diese Woche das Ergebnis einer bizarren Untersuchung. Die Wissenschaftler entnahmen DNS-Material von einem mumifizierten Kopf, der als Haupt Heinrichs galt, was noch zu beweisen war. Sodann sicherten sie DNS-Spuren von einem alten Taschentuch. Es war mit dem Blut eines Nachfahren Heinrichs getränkt - Ludwig XVI., der 1793 enthauptet worden war. Das Resultat der Analyse: Das Erbmaterial beider Fundstücke zeigt eine große genetische Übereinstimmung. Nach Ansicht der Forscher besteht damit "absolut kein Zweifel mehr": Der Kopf gehört zu Heinrich IV.

Der Fall erregt in Frankreich viel Aufsehen, da Heinrich als Vorläufer der laizistischen, toleranten, sozialen Republik gilt. Ein katholischer Fanatiker hatte den König 1610 in seiner Kutsche überfallen und erstochen. Von da an lebte der Mythos vom guten Heinrich auf.

Die Leiche wurde in der Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris beigesetzt, der traditionellen Grablege der französischen Könige. 1793 drang ein revolutionärer Mob in die frühgotische Kirche ein. Die Leichen der Monarchen wurden aus ihren Gräbern gerissen und geschändet. Auch die Mumie Heinrichs entging dem Wüten nicht. Sie wurde öffentlich verhöhnt, geohrfeigt und dann mit den anderen königlichen Leichen in ein Massengrab geworfen.

1814 war die Monarchie wieder hergestellt. Ludwig XVIII. ließ die Gebeine seiner Vorfahren ausgraben und erneut in der Kathedrale bestatten. Dabei zeigte sich: Heinrichs Haupt war verschwunden. Das blieb es bis 1919. Damals wurde im Pariser Aktionshaus Drouot ein mumifizierter Kopf versteigert. Ein Geschichtsliebhaber aus dem bretonischen Dinard erwarb ihn für drei Francs. Zeit seines Lebens versuchte er nachzuweisen, dass dies das Haupt Heinrichs sei. Vergeblich. Der Louvre lehnte einen Ankauf ab.

Nach dem Tod des Geschichtsfreundes gelangte der Kopf wieder auf den Reliquien-Markt. 1955 erstand ihn ein Mann namens Jacques Bellanger, der den Kopf auf seinem Speicher versteckte. 2008 bekamen dann Journalisten von der Sache Wind. Bellanger übergab den Kopf schließlich Louis de Bourbon, dem heutigen Chef des früheren französischen Königshauses.

Ein internationales Team aus 19 Gerichtsmedizinern, Genetikern, Archäologen und anderen Spezialisten machte sich ans Werk. Sie befanden 2010, es handle sich sehr wahrscheinlich um Heinrichs Haupt. Doch es fehlte der Beweis - ein DNS-Test. Die Wissenschaftler, die schon damals von Charlier angeführt wurden, hatten noch kein für einen Vergleich geeignetes Erbmaterial. Zweifel blieben. Daher erschien es noch als zu riskant, den Kopf nach Saint-Denis zu bringen.

Nun ist der Nachweis erbracht. Heinrich hat sein Haupt wieder - theoretisch. Die Praxis soll folgen. "Ein Toter, wer auch immer es ist, gehört nicht in ein Schließfach", sagt Charlier. "Es ist höchste Zeit, dass der Kopf Heinrich IV. in seine Gruft zurückkehrt."

SZ-Korrektur: In diesem Artikel hieß es ursprünglich singemäß, der Leichnam Heinrichs sei 1797 unter Ludwig XVIII. nach Wiederherstellung der Monarchie wieder in der Kathedrale von Saint-Denis bestattet worden. Das ist falsch. In Wahrheit kam Ludwig XVIII. erst 1814 auf den Thron. Die in der Revolution geschändeten Leichen der französischen Könige, darunter der - kopflose - Leichnam Heinrichs IV., wurden erst in den folgenden Jahren aus Massengräbern geholt und wieder in der Kathedrale bestattet.