Archäologie Hashtag aus der Steinzeit

Die kreuzförmigen Felsgravuren wurden in der Gorham-Höhle in Gibraltar gefunden.

(Foto: dpa)

Gekreuzte Linien im Stein: Funde in Gibraltar legen die Vermutung nahe, dass der Neandertaler abstrakte Symbole verwenden konnte. Das hieße, dass er weit intelligenter war als angenommen.

Von Hubert Filser

Die kleine Plattform aus Stein wirkt wie ein Couchtisch im Wohnzimmer. Frühere Bewohner der Gorham-Höhle in Gibraltar haben ein Muster in das Plateau geritzt. Es sind insgesamt 13 Linien, aber die tiefsten und auffälligsten bilden zwei Paare gekreuzter Linien: sozusagen der erste Hashtag der Menschheitsgeschichte - so nennt man die Symbole, die bei der Schlagwortsuche in modernen sozialen Netzwerken im Internet helfen. Die Forscher, die das mindestens 39 000 Jahre alte Muster untersucht und Neandertaler als Urheber ausgemacht haben, leiten aus dem Fund eine umstrittene These ab: Schon dieser längst ausgestorbene Cousin des Homo sapiens konnte abstrakt denken und sich über geometrische Muster ausdrücken.

Solche Geistesleistungen trauen viele Forscher dem lange als dumpf und brutal beschriebenen Vormenschen bis heute nicht zu. Das Team um Joaquín Rodríguez-Vidal von der Universität Huelva ist sich aber sicher, dass die Zeichen absichtlich mit spitzen Steinwerkzeugen in den Fels getrieben wurden. Die sorgfältig gearbeiteten Rillen seien nicht zufällig entstanden, etwa beim Verarbeiten von Nahrung oder Pelzen, sondern für jeden sichtbar in der Höhle platziert worden, um damit eine Botschaft zu übermitteln.

Symbolische Darstellungen gelten als Meilensteine in der kognitiven Entwicklung der Menschheit. Die Felsmalereien im französischen Chauvet und die Figuren aus Höhlen in der Schwäbischen Alb, 35 000 und 40 000 Jahre alt und von modernen Menschen gefertigt, markierten bisher den Beginn abstrakten Denkens. Es erhebt sich über den gerade sichtbaren Teil der Realität. Symbole erlauben eine komplexere Kommunikation, den Austausch über Träume, Ideen und Pläne, über Vergangenheit und Zukunft.

Bislang hatte man Abstraktionsvermögen nur dem Homo sapiens zugetraut. "Mich erstaunen die Neandertaler-Symbole nicht", sagt der Frankfurter Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. "Neandertaler begruben ihre Toten und betrieben Totenkult, also sind bei ihnen auch Anfänge symbolischen Denkens vorstellbar." Der Tübinger Prähistoriker Nicholas Conard, der durch die Entdeckung der ältesten Kunst in den Höhlen der Schwäbischen Alb bekannt wurde, ist skeptischer: "Wenn Neandertaler symbolische Zeichen regelmäßig benutzt hätten, würde man so etwas öfter finden."

Sollte die These der spanischen Wissenschaftler stimmen, ergäbe sich eine interessante Parallele: Sowohl Homo sapiens wie Neandertaler hätten dann auf ihren jeweils ältesten bekannten abstrakten Darstellungen geritzte Linien verwendet. Beim Homo sapiens fanden sie sich auf 77 000 Jahren alten Ockerbrocken, die Anthropologen in der südafrikanischen Blombos-Höhle entdeckten. Solche symbolischen Darstellungen tauchten immer dort auf, wo Menschen in größeren Gruppen lebten. Die Mitglieder könnten die Zeichen daher genutzt haben, um ihre Zugehörigkeit zu zeigen, auch das ist ein abstraktes Konzept.

Bewiesen ist davon nichts - in der Paläoanthropologie geht es um Interpretationen. So wird über die Frage, ob Neandertaler abstrakt denken konnten, unter Wissenschaftlern weiter gestritten werden. Vielleicht sogar auf Twitter unter einem modernen Hashtag.