Archäologie Giganten auf Sardinien

Archäologen haben rätselhafte Großskulpturen auf Sardinien gefunden. Waren die Statuen Teil einer Kultstätte?

Von Henning Klüver

Die "Giganten von Mont'e Prama", überlebensgroße Sandsteinfiguren, vermutlich aus dem 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr., gehören seit Kurzem zu den Höhepunkten der archäologischen Museen von Cagliari und Cabras auf der Mittelmeerinsel Sardinien. Es sind archaische Darstellungen von Bogenschützen, Kriegern und Handschuhkämpfern.

Seit diesem Jahr werden die Statuen wissenschaftlich würdig und für das Publikum attraktiv in den Museen von Cagliari und Cabras ausgestellt.

(Foto: Museo Archeologico Cabras)

Bereits in den 1970er-Jahren hatten Wissenschaftler in Westsardinien unweit von Cabras begonnen, Teile einer vermutlich ausgedehnten Nekropole aus der Zeit der späten Nuraghen-Kultur am Hang des Hügels Mont'e Prama freizulegen. Direkt über den Grabanlagen stieß man dabei auf Tausende Fragmente der Sandsteinfiguren mit einer bislang im westlichen Mittelmeerraum unbekannten Körpergröße von bis zu 2,10 Metern. Einige Archäologen vermuten sogar, dass es sich um die älteste frei stehende Großplastik in ganz Europa handeln könnte. Stilistische Elemente etwa an den Gürteldarstellungen lassen auf Einflüsse aus Zypern oder aber aus dem iberischen Gebiet schließen. Jahrzehntelang blieben die Fragmente jedoch in Lagerräumen verborgen, bis man 2007 endlich begann, sie zu restaurieren und zu insgesamt 38 Statuen zusammenzusetzen. Seit diesem Jahr werden sie wissenschaftlich würdig und für das Publikum attraktive in den Museen von Cagliari und Cabras ausgestellt.

Dienten die Giganten zur Feier militärischer Riten?

Und sie werden bald Zuwachs bekommen. In diesem Sommer haben erstmals seit 35 Jahren weitere Ausgrabungen bei Mont'e Prama begonnen. Und wer Anfang Oktober auf das Gelände kam, konnte beobachten, wie das Archäologenteam der Universitäten Sassari und Cagliari gerade zwei weitere Statuen freilegten. Eine davon, ein Cestus-Kämpfer, ist erstmals mit Kopf, Körper, Armen und Beinen fast ganz erhalten. Bislang hatte man immer nur Teile gefunden und einander zugeordnet. Die Archäologen hoffen jetzt auf weitere Finanzmittel, um die Grabungen auszuweiten. Nach Probeuntersuchungen umfasst das Gelände unterhalb des Mont'e Prama, das zum überwiegenden Teil unerforscht ist, eine Fläche von gut fünf Hektar. Wobei es auch immer wieder zu zerstörerischen Raubgrabungen kommt, obgleich in der Nekropole bislang keine Grabbeilagen aufgetaucht sind.

Während Genetiker antike DNA-Spuren in den Gräbern sichern wollen, versuchen Archäologen zu erkunden, wie die Figuren einst aufgestellt waren, und warum sie zerstört wurden. Ersten Theorien zufolge könnte es sich bei Mont'e Prama um eine Nekropole mit einer Art Heroon handeln - einem Kultort der Oberschicht der Nuraghen-Gesellschaft, den eine monumentale Straßenanlage durchzog, an deren Rand die "Giganten" zur Feier militärischer und religiöser Riten aufgestellt waren. Eine andere Hypothese vermutet eine kreisförmige Aufstellung. Unter den beteiligten Archäologen gilt jedenfalls als sicher, dass die Statuen absichtlich zerstört und auf die Grabanlagen geworfen wurden. Möglicherweise bei der Eroberung der sardischen Küsten durch die Punier im 6. Jahrhundert v. Chr.