Archäologie Die unbekannten Krieger von Jütland

Vier Hüftknochen, auf einem Erlenast aufgefädelt: Die Opfer der Schlacht wurden auf ungewöhnliche Weise bestattet.

(Foto: AFP)
  • Ein dänisches Archäologenteam hat Beweise für eine erbitterte Schlacht in der Nähe von Aarhus auf der Halbinsel Jütland gefunden.
  • Wer die Kontrahenten waren, weiß man bisher nicht. Römer waren zumindest nicht beteiligt.
  • Besonders bemerkenswert ist, was mit den Gebeinen der Opfer geschah.
Von Hans Holzhaider

Die ersten 50 Jahre unserer Zeitrechnung waren für die germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe eine Periode massiver militärischer Konflikte. Im Jahr 9 n. Chr. vernichtete der Cheruskerfürst Arminius drei Legionen des römischen Statthalters Publius Quinctilius Varus. Sechs Jahre später führte der Feldherr Germanicus acht römische Legionen über den Rhein, um die Niederlage des Varus zu rächen und die verlorenen Feldzeichen zurückzuerobern, und verwüstete dabei weite Landstriche zwischen Ems und Lippe.

Aber es ist beileibe nicht so, dass sich die Germanen nur mit den Römern blutige Schlachten lieferten. Sie schlugen sich auch gegenseitig die Köpfe ein. Der Krieg zwischen Arminius und seinen Cheruskern und dem Markomannenfürsten Marbod ist nur das bekannteste Beispiel dafür. Ein dänisches Archäologenteam hat jetzt Beweise für eine erbitterte Schlacht im Mündungsgebiet des Flusses Illerup in Jütland gefunden. Wer die Kontrahenten waren, weiß man bisher nicht. Aber die Zahl der an der Schlacht beteiligten Krieger lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um einen überregionalen Konflikt und nicht nur um ein Scharmützel zwischen verfeindeten Nachbarn gehandelt haben muss.

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Römer, soviel steht fest, waren an der Auseinandersetzung jedenfalls nicht beteiligt. Der See Mossø , in den die Illerup mündet, liegt etwa in der Mitte der dänischen Halbinsel - so weit nördlich sind die Römer auf dem europäischen Festland nie gekommen. Auch die Überreste der Waffen, die auf der Alken Enge (Enge ist das dänische Wort für Wiese) gefunden wurden - Speerspitzen, eine Axt, Fragmente von Schwertern und Schilden -, sind, wie metallurgische Untersuchungen ergaben, offensichtlich germanischen Ursprungs.

Mindestens 82 Menschen sind hier gestorben

Holz- und Keramikfunde belegen, dass das Gebiet im Illeruptal schon seit der späten Bronzezeit, also ab etwa 800 v. Chr., besiedelt war. Die jetzt ausgegrabenen Knochen lassen sich nach der C-14-Datierung allerdings sämtlich einem sehr eng begrenzten Zeitraum von 2 v. Chr. bis 54 n. Chr. zuordnen. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass es sich um die Überreste eines einzigen kriegerischen Ereignisses handelt.

Insgesamt wurden 2095 Knochen und Knochenfragmente gefunden, überwiegend Langknochen, also Oberschenkel und Oberarme, Schien- und Wadenbeine. Auffallend wenige Schädel wurden gefunden - nur 14 vollständige Schädel sind erhalten. Die Knochen konnten mindestens 82 Individuen zugeordnet werden, die nahezu ausschließlich männlich und überwiegend zwischen 20 und 40 Jahre alt waren. Viele der Knochen zeigten Spuren von Verletzungen durch scharfe oder spitze Waffen, aber auch durch stumpfe Gewalt - durchgeschlagene Knochen, Löcher in Schädeldecken.

Das alles lässt kaum eine andere Interpretation zu als einen direkten militärischen Konflikt, der mit Schwertern, Lanzen, Äxten und Keulen ausgetragen wurde. Aus der Tatsache, dass an den Knochen kaum Spuren von verheilten Verletzungen gefunden wurden, schließen die Wissenschaftler, dass die Opfer noch nicht viel Kampferfahrung hatten.

Da bisher nur ein Teil des mutmaßlichen Schlachtfeldes ausgegraben wurde, rechnen die dänischen Archäologen die Zahl der beteiligten Personen auf mindestens 380 hoch. Das ist wesentlich mehr als die Einwohnerzahl eines Dorfes zu dieser Zeit, und wenn man berücksichtigt, dass es sich fast ausschließlich um Männer mittleren Alters handelte, muss es sich um eine kriegerische Auseinandersetzung mit deutlich überregionalem Bezug gehandelt haben.

An den Knochen der Gefallenen sind Bissspuren wilder Tiere zu erkennen

Besonders bemerkenswert an den Knochenfunden von Alken Enge ist jedoch, was nach der Schlacht mit den Gebeinen der Opfer geschah. An den Knochen finden sich eine Vielzahl von Zahnspuren, die von kleinen bis mittelgroßen Raubtieren stammen - Fuchs, Hund und Wolf. Daraus lässt sich schließen, dass die Knochen etwa sechs bis zwölf Monate lang im Freien lagen. So etwas, stellen die dänischen Archäologen fest, habe man bisher noch an keiner Begräbnisstätte festgestellt.

Ohne Beispiel ist auch, wie die Überreste der Schlachtopfer schließlich in dem flachen Ufergewässer, das durch eine Sandnehrung vom See getrennt war, bestattet wurden. Die Forscher fanden vier Hüftknochen, die auf einem Erlenast aufgefädelt waren, und mehrere Bein- und Armknochen, die mit Pflanzenfasern zu zwei Bündeln zusammengebunden waren. Jedes der beiden Bündel enthielt Gebeine von mindestens zwei Personen. Diese Knochengebinde wurden dann in der nur etwa zwei Meter tiefen Lagune versenkt.

Wer hat die Überreste der gefallenen Krieger bestattet? Dass die Gebeine so lange dem Zugriff der Raubtiere ausgesetzt blieben, legt die Vermutung nahe, dass sie eher den Feinden als der ansässigen Bevölkerung zuzuordnen waren. Aber warum hat man sie dann nach so langer Zeit doch noch, offensichtlich mit rituellen Ehren, im See bestattet? Das bleibt vorerst ein Rätsel.

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