Archäologie Die Geheimnisse der Varus-Schlacht

Die Silbermünzen in Kalkriese stammen von römischen Legionären.

(Foto: Friso Gentsch/dpa/PA)

Vor 2000 Jahren vernichteten die Cherusker drei römische Legionen. Nun lösen Archäologen die letzten Rätsel der Schlacht im Teutoburger Wald.

Von Hans Holzhaider

Am Anfang der Erzählung "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry steht ein Bilderrätsel: Man sieht ein buckliges Gebilde, das vielleicht einen Hut darstellen könnte - aber es ist kein Hut, sondern eine Riesenschlange, die einen Elefanten verschluckt hat. Was Marc Rappe, Masterstudent der Archäologie, auf dem Bildschirm präsentiert, sieht für den Laien ähnlich rätselhaft aus: so wie der Querschnitt durch eine Schwarzwälder Kirschtorte, deren Schichten etwas durcheinandergeraten sind. Nur eine Schicht zieht sich kontinuierlich durch das Bild; sie ist hellgelb, nach links und rechts schlank auslaufend, aber in der Mitte etwas verdickt. Wie eine Schlange, die vielleicht eine Ratte verschluckt hat.

Diese Schlange könnte ein Indiz für eine kleine archäologische Sensation sein. Denn die Ratte im Schlangenbauch deuten Marc Rappe und sein Doktorvater Salvatore Ortisi, Professor für Provinzialrömische Archäologie an der Universität München, als den Überrest eines Walls, den römische Soldaten im Jahr 9 n. Chr. aufgeworfen haben. Wenn diese Vermutung stimmt, dann gibt diese Schicht gelben Sandes Zeugnis von der letzten, verzweifelten Verteidigungsaktion der 17., 18. und 19. römischen Legion unter dem Kommando des Publius Quinctilius Varus im Kampf gegen die Cherusker unter ihrem Anführer Arminius. Man weiß, wie diese Schlacht endete: Die drei Legionen wurden vernichtet, Varus stürzte sich in sein Schwert, der Versuch, die germanischen Stammesgebiete zwischen Rhein und Elbe zur römischen Provinz zu machen, war gescheitert.

Varus, Spross einer der ältesten und vornehmsten Patrizierfamilien Roms, war 55 oder 56 Jahre alt, als er in den Wäldern Germaniens den Tod fand. Arminius, sein Gegenspieler, war gerade mal Mitte 20. Fast könnte man Salvatore Ortisi und Marc Rappe für Wiedergänger jener Protagonisten halten, die hier vor mehr als 2000 Jahren aufeinandertrafen: Ortisi, 52, Sohn eines Sizilianers, und Rappe, 28, mit breitem Brustkorb und mächtigem blonden Vollbart - ein Ostwestfale, der auch einen prächtigen Cherusker abgäbe. Aber Ortisi und Rappe führen keine Schlachten. Sie arbeiten gemeinsam daran, die letzten Rätsel um jenes Ereignis zu lösen, das als die "Schlacht im Teutoburger Wald" im Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhundert ein nationaler Mythos wurde.

Noch bis vor 30 Jahren wusste man von der Vernichtung der römischen Legionen nur von antiken Autoren. Der ausführlichste Bericht stammt von dem Senator und Konsul Cassius Dio, dem Autor einer 80 Bücher umfassenden Geschichte Roms von den Anfängen bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert. Er schildert, wie Varus, der 7 n. Chr. den Oberbefehl über die am Rhein stationierten römischen Truppen übernommen hatte, durch sein herrisches Auftreten den Zorn der Germanen erregte: "(Er) erteilte ihnen nicht nur Befehle, als wenn sie römische Sklaven wären, sondern trieb sogar von ihnen wie von Unterworfenen Steuern ein."

Statt sich aber offen zu empören, schreibt Cassius Dio, hätten sich die Germanen "höchst friedlich und freundschaftlich" gezeigt, und die Römer so "weit vom Rhein weg in Cheruskerland und bis an die Weser" gelockt. Arminius, selbst römischer Bürger und sogar Ritter, sei dabei "Varus' dauernder Begleiter und sogar Tischgenosse" gewesen, schreibt Cassius.

Ein kilometerlanger Zug bahnte sich den Weg durch den Urwald

Auf dem Rückmarsch zum Rhein sei Arminius mit seinen Cheruskern dann über die Römer hergefallen. Drei Legionen, 15 000 bis 18 000 Soldaten, dazu, wie Cassius schreibt, "viele Wagen und Lasttiere, zahlreiche Kinder und Frauen, und noch ein stattlicher Sklaventross". Es muss ein kilometerlanger Zug gewesen sein, der sich bei Regen und Sturm den Weg durch den germanischen Urwald bahnte. Vier Tage lang zogen sich die Kämpfe hin, immer mehr Römer fielen den Überfällen der Germanen zum Opfer, bis Arminius mit seinen Truppen schließlich die schon deutlich dezimierten Römer umzingeln und Mann für Mann niedermachen konnte.

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Über den Ort dieser Schlacht macht Cassius Dio nur vage Angaben: "Undurchdringliche Wälder", "Berge, ohne Ebenen, von Schluchten durchzogen". Eine etwas genauere Ortsangabe findet sich in den Annalen des Tacitus. Er beschreibt nicht die Varusschlacht selbst, sondern den Rachefeldzug des Germanicus im Jahr 15 n. Chr., also sechs Jahre nach Varus. Germanicus, schreibt Tacitus, "führte sein Heer bis zur äußersten Grenze der Bructerer, und das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Amisia und Lupa, nicht weit entfernt vom Teutoburger Wald, in dem, wie es hieß, die Überreste des Varus und seiner Legionen unbegraben lagen, wurde verwüstet." "Amisia" ist die Ems, "Lupa" die Lippe. Wo allerdings genau der "Saltus Teutoburgiensis" zu verorten ist, bleibt ungewiss. Der heutige Teutoburger Wald wurde erst im 17. Jahrhundert, eben in Anlehnung an den Tacitustext, so benannt.

Germanicus fand den Ort, an dem die Varus-Legionen vernichtet wurden. Er schildert "sumpfiges Gelände" und "trügerischen Moorboden" und das Schlachtfeld selbst: "Mitten in dem freien Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, dabei Bruchstücke von Waffen und Pferdegerippe und an Baumstämmen angenagelte Köpfe." "In trauriger Stimmung und wachsendem Zorn auf den Feind", so Tacitus, hätten Germanicus' Soldaten die Gebeine der Legionen beigesetzt, "ohne dass jemand erkannte, ob er die Überreste von Fremden oder seinen eigenen Angehörigen in der Erde barg."