Archäologie Der Schatz aus dem Schutt

Unter Müll und Geröll wurde in Kairo der tonnenschwere Torso einer jahrtausendealten Statue geborgen. Ob weitere Teile ausgegraben werden können, ist fraglich. Die Stadt will bauen.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Der Dieselmotor des gelben Krans brummt, die Stahlseile quietschen einen Moment lang, das trübe, grün-braune Wasser zittert. Schwerlast-Gurte spannen sich, dann hebt sich langsam, Zentimeter für Zentimeter ein monumentaler Brustkorb aus der Grube. Mehr als 3000 Jahre ist er alt, der steinerne Torso einer acht bis neun Meter hohen Statue, die aller Wahrscheinlichkeit nach Pharao Ramses II. darstellt. Er war einer der wichtigsten Herrscher des alten Ägypten und regierte von 1279 bis 1213 vor Christus. Als der Koloss in der Luft schwebt, hebt ein freudiges Trillern der Frauen an und das Pfeifen der Männer von Matariya, die sich um die Grube versammelt haben. In der Erde ihres Viertels, einem der ärmeren von Kairo, lag dieser wohl größte Schatz verborgen, der in diesem an antiken Fundstätten reichen Land in den vergangenen Jahren geborgen worden ist.

Die sensationelle Entdeckung hat am vergangenen Dienstag ein deutsch-ägyptisches Archäologen-Team gemacht, das Dietrich Raue von der Universität Leipzig und Aiman Aschmawy vom Kairoer Antikenministerium leiten. Sie suchten systematisch das Gebiet in der Siedlung ab, das sie in zehn mal zehn Meter große Abschnitte eingeteilt hatten; die Fundstelle ist von vier- bis achtstöckigen unverputzten Häusern umgeben, ohne Stadtplanung hochgezogen aus Betonpfeilern und gebrannten Ziegeln. Aus der grau-braunen Erde ragen Plastikschnipsel hervor, gelb, schwarz und blau, dazwischen Tablettenpackungen, Bauschutt. Es riecht säuerlich, vergoren. Hier ist jahrelang Müll hingekippt worden.

Mit einem solchen Fund hatten die Archäologen schon nicht mehr gerechnet; die Grabungen sollten bis 1. April abgeschlossen sein, dann läuft der Baustopp aus. Nebenan steht schon der Rohbau eines Einkaufszentrums, dort, wo jetzt noch die Forscher graben, soll bald ein Parkhaus errichtet werden. Das Grundwasser liegt hier nur wenige Meter unter dem Boden, die Statue wiederum bis zu drei Meter unter der Wasseroberfläche. Als der Bagger einen Graben ziehen sollte für die Pumpe, mit der das Wasser aus der Grube gehalten werden sollte, stieß er auf ein Hindernis.

Die Bergung der Pharao-Statue

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Nahe der Fundstelle liegt eine riesige Deponie. Gibt es unter dem Müll weitere Kostbarkeiten?

Vorsichtig legten die Archäologen erst die Krone und einen Teil des Kopfes frei, dann den Torso. Das kleine Fragment ließ sich noch abgestützt auf Kanthölzer mit der Baggerschaufel herausheben. Für den Torso musste ein großer Kran her. Nach fünf Minuten senkt er an diesem Montagmorgen das Fragment sanft ab auf ein Bett aus Sand, das neben der Grube aufgeschüttet worden ist, um es für den Transport vorzubereiten. Der hellbraune Stein, ein gemaserter Quarzit, glänzt in der Sonne. Mit einer weichen Bürste wischt einer der Restauratoren die Pfütze aus, die in der Vertiefung des Brustbeins stehen geblieben ist.

Die Statue soll, so sich ihr historischer Wert bestätigt, den Eingang des noch in Bau befindlichen Grand Egyptian Museum zieren. In Sichtweite der Pyramiden von Gizeh gelegen, wird es die größte Antiken-Ausstellung der Welt - und ein neuer Magnet für Touristen, wie viele Ägypter hoffen. Die Konservatoren haben Proben des faulig riechenden Wassers genommen, um pH-Wert und andere Charakteristika zu bestimmen, damit die Fragmente keine Schäden nehmen, wenn sie nun nach Jahrhunderten im Wasser getrocknet und konserviert werden. Ein 80 Zentimeter großes Teil einer lebensgroßen Kalkstein-Büste von König Sethos II. kam ebenfalls bei der Grabung hier zum Vorschein.

Wo heute nach jahrelangem Baustopp eine der letzten innerstädtischen Brachen der rapide wachsenden Stadt zubetoniert werden soll, liegen in einigen Metern Tiefe Reste der jahrtausendealten ägyptischen Zivilisation: Heliopolis mit seinem Sonnentempel. "Das ist der Ort, an dem laut der Mythologie die Welt erschaffen wurde und der erste Sonnenaufgang stattfand. Gewissermaßen der Urknall, das theologisch-religiöse Zentrum des alten Ägyptens", sagt Raue. Es war eine gewaltige Anlage mit 17 Meter starken Umfassungsmauern und einer Fläche von 1100 mal 900 Metern; der Haupttempel allein nahm die halbe Fläche ein. Die Ramses-Statue, so vermutet Raue, stand wohl vor einem der Neben-Tempel.

Die Obelisken des einstigen Heliopolis kann man heute zum Teil in Rom besichtigen. Die Tempel-Bauten dürften zerstört sein; spätere Herren haben sie "gnadenlos zerklopft, um aus dem Kalkstein die Stadtbefestigungen von Kairo zu bauen", wie Raue sagt. Die umgestoßene Statue überlebte die Plünderungen, in Fragmente zerbrochen und wohl achtlos liegengelassen, weil Quarzit extrem hart und schwierig zu bearbeiten ist. In der Grube vermutet Raue noch einen Sockel mit Fundament aus Kalkstein - sonst wäre die Statue umgekippt. Alleine der Torso wiegt neun Tonnen. Doch ob der Sockel freigelegt werden kann, ist fraglich. Der Baustopp müsste dafür verlängert werden. Und die Häuserfront steht nur fünf Meter von der Grube entfernt; die Statik der Gebäude soll aber keinesfalls gefährdet werden. Archäologie ist in Ägypten auch immer ein Politikum, je wertvoller die Funde, umso mehr.

Raue und dem Antiken-Minister Khalid el-Enany wird in manchen ägyptischen Medien und sozialen Netzwerken vorgeworfen, die Bergung der Krone mit der Baggerschaufel habe Schäden verursacht - was Raue weit von sich weist, ebenso wie sein ägyptischer Partner und der Minister, der während beider Bergungsaktionen zugegen war. Vor den Augen der Fotografen wird die zum Abtransport vorbereitete Krone wiederausgepackt. Zahi Hawass, der bekannteste Archäologe Ägyptens, sprang dem Team öffentlich bei - Beschreibungen der Bergung in manchen ägyptischen Medien zeugten von blühender Fantasie.

Weniger Bedenken gibt es offenbar dagegen, das Gebiet zuzubauen, obwohl darunter das antike Heliopolis liegt - und der jetzige Fund weitere wertvolle Erkenntnisse über die Bedeutung des Sonnenkults und der alten Zivilisationen erwarten lässt. Geht man von der Fundstelle durch die engen Gassen von Matariya drei Häuserblocks nach Osten, erhebt sich jenseits der Straße eine bis zu 13 Meter hoch aufgeschüttete Deponie. Erst vom Dach eines sechsstöckigen Hauses, das gerade gebaut wird, kann man sie überblicken. Begraben darunter liegen weitere Tempel - und womöglich weitere Funde. Doch müsste der Müll, durchsetzt mit Bauschutt und Tierkadavern, abgeräumt und das darunterliegende noch 650 mal 400 Meter große Gelände systematisch abgesucht werden. Das würde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Doch Zeit und Baugrund sind kostbar: Alleine in diesem Jahr wird Kairo von derzeit 22,8 Millionen wieder um 500 000 Einwohner wachsen.

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