Archäologie Der neueste Schrei im römischen Imperium

Viele Funde der nordenglischen Ausgrabungsstätte Vindolanda sind gut erhalten, da sie unter einer Lehmschicht luftdicht abgeschlossen waren.

(Foto: The Vindolanda Trust)
  • Forscher haben gut erhaltene Schuhe der Römer im nordenglischen Vindolanda geborgen.
  • Die Modelle sind sehr unterschiedlich, was Stil, Qualität, Preis und Größe angehe, und spiegeln einen Querschnitt durch die damalige Gesellschaft.
Von Esther Widmann

Als die römischen Soldaten mit ihren Familien an einem Tag im Jahr 211 nach Christus das Fort am Hadrianswall für immer verließen, warfen sie Schuhe, die nicht ins Gepäck passten, einfach in einen Graben. Diese Sammlung erstaunlich gut erhaltener Männer-, Frauen- und Kinderschuhe haben Archäologen erst vor Kurzem im nordenglischen Vindolanda geborgen. "Eine einzigartige Zeitkapsel" nennt sie Andrew Birley, der die seit vielen Jahren andauernde Ausgrabung derzeit leitet. "Eine solche Ansammlung von Schuhen, die alle zum gleichen Zeitpunkt in die Erde kamen, erzählt eine Menge über die Gesellschaft", bestätigt Carol van Driel. Die Archäologin, derzeit Gastdozentin an der Universität Leiden, hat sich mit Fußbekleidung aus verschiedenen römischen Militärsiedlungen beschäftigt. Die 421 Schuhe aus dem Graben seien "ein spektakulärer Fund".

Die Modelle seien sehr unterschiedlich, was Stil, Qualität, Preis und Größe angehe, und spiegelten einen Querschnitt durch die damalige Gesellschaft, sagt Birley. Die Männerschuhe unterscheiden sich von denen für Frauen vor allem in der Breite. Die Archäologen fanden Zehenstegsandalen (Solea), Clogs mit dicker Holzsohle und breitem Lederriemen, die im Bad getragen wurden, Stiefel für Kleinkinder und Hausschuhe (Carbatina). Die Carbatina wurde aus einem einzigen Stück Rindsleder gefertigt und hatte anders als Straßenschuhe keine Nägel unter den Sohlen. "Viele Römer wechselten in diese Hausschuhe, wenn sie von draußen hereinkamen, um den Matsch von der Straße nicht ins Haus zu bringen", erklärt Birley. Das Können der Schuhmacher scheint sich über die Jahrtausende erhalten zu haben: Eine Carbatina in Kindergröße gleicht in der Modellierung des Leders einem modernen Fußballschuh. Dass die Schuhe so gut erhalten sind, ist dem lehmigen Boden zu verdanken, in dem das Leder konserviert wurde.

Konserviertes Schuhwerk aus dem Graben in Vindolanda.

(Foto: The Vindolanda Trust)

Die erste Festung in Vindolanda errichteten die Römer im Jahr 85 nach Christus. In den folgenden 400 Jahren wurde sie neunmal neu gebaut, erst aus Holz, später aus Stein. Im Jahr 121 ließ Kaiser Hadrian in Nordbritannien über die gesamte Breite des Landes eine Mauer hochziehen, in der es nach jeder Meile einen Wachturm gab. Vindolanda liegt drei Kilometer südlich dieses sogenannten Hadrianswalls. Für die Bewachung der Grenze war das Fort zu weit entfernt; dennoch blieb es zunächst weiter in Betrieb.

Doch im Jahr 211, nach einem Aufstand britischer Stämme, gab die Garnison die Festung auf. Die Menschen ließen - vermutlich ungern - zurück, was sie nicht tragen konnten. In den Gräben landeten neben Schuhen auch Haustiere: Hundewelpen und Katzen. Bevor sie abzogen, rissen die Soldaten alle Gebäude ab und schütteten die Brunnen zu. Im Jahr darauf kam allerdings eine neue Kohorte, ebnete das Gelände mit Lehm und baute ein neues Fort.

Die Lehmschicht schloss alles, was darunter lag, luftdicht ab. In Vindolanda ist deshalb nicht nur Leder hervorragend erhalten, sondern auch anderes organisches Material. Am bedeutendsten sind die mit Tinte beschriebenen hauchdünnen Holztäfelchen, die Einblicke in das Leben im römischen Britannien geben. Da ist die Nachricht von Claudia Severa, mit der sie Sulpicia Lepidina und ihren Mann, den Kommandeur von Vindolanda, für den 11. September des Jahres 100 zu ihrer Geburtstagsfeier einlädt. Oder der Brief einer leider nicht identifizierbaren Person, die wie eine Mutter klingt, die sich um ihren im regnerischen Nordengland stationierten Soldatensohn sorgt: "Ich habe dir Socken geschickt, zwei Paar Sandalen und zwei Unterhosen."

Manche Hausschuhe für Kinder ähnelten modernen Fußballschuhen.

(Foto: The Vindolanda Trust)

Rätselhaft ist, dass im Graben von Vindolanda im Jahr 211 fast nur einzelne, meist abgenutzte oder kaputte Schuhe landeten, keine Paare. Trugen die Menschen damals zwei unterschiedliche Schuhe? Ausschließen kann Grabungsleiter Birley das nicht. Für wahrscheinlicher hält er allerdings, dass sie mehrere Paare des gleichen Modells hatten und einzelne Schuhe deshalb zu neuen Paaren kombinieren konnten, wenn einer kaputt ging.

Repariert wurden Schuhe eher selten. Neue konnten - offenbar nicht allzu kostspielig - aus lokaler Fertigung erworben werden. Herstellerzeichen auf einigen besonders vornehmen Exemplaren zeigen aber, dass es auch Importe gab, zum Beispiel aus Gallien. Im Allgemeinen, erklärt Carol van Driel, sei römische Fußbekleidung sehr international gewesen. "Die Menschen im ganzen Imperium trugen die gleiche Art von Schuhen und Sandalen", sagt sie. "Die Mode hat sich allerdings sehr schnell verändert, manche Schuhmodelle können wir auf 25 Jahre genau datieren." Vindolanda kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil es von dort so viele hervorragend erhaltene Exemplare aus präzise datierbaren Kontexten gibt. Fast 7000 römische Schuhe sind im Laufe der Jahrhunderte in Vindolanda aufgetaucht, es ist die größte Sammlung aus dem gesamten römischen Reich. Wie das Leder gegerbt wurde, analysieren Experten derzeit im Labor - Birley vermutet, dass Baumrinde und Holz verwendet wurden, vielleicht Eiche, die reich an Gerbstoffen ist. "Die Schuhe sind immer noch sehr weich und elastisch", sagt der Archäologe. In luftdichten Plastiktüten harren die Exemplare aus dem Graben nun ihrer Konservierung, für die noch Geld gesammelt werden muss.

Schon die ersten Bilder von dem Fund bestätigen van Driels Erfahrungen: "Ich bin immer wieder überrascht, dass die Menschen in abgelegenen Grenzregionen des Römischen Reichs wie Vindolanda genauso modebewusst waren wie diejenigen in Städten wie London", sagt sie. Genau wie heute besaßen die meisten Bewohner mehrere Paar Schuhe: genagelte Stiefel für Fußmärsche, kostbar verzierte Schuhe für besondere Anlässe. Entgegen dem Klischee trugen die Römer also keineswegs immer Sandalen. Und wenn Sandalen, sagt van Driel, dann durchaus auch mit Socken.

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