Archäologie Der Koloss von Kairo

"Das passiert wahrscheinlich nicht noch einmal in diesem Leben": Ein deutscher Archäologe hat in Ägypten eine riesige Statue entdeckt, die Ramses gehören darstellen soll.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Glückwünsche nimmt Dietrich Raue trotz gelöster Laune noch mit einem kleinen Vorbehalt entgegen. "So richtig entspannt bin ich erst, wenn wir das große Fragment geborgen haben", sagt er. Der deutsche Ägyptologe und sein ägyptischer Partner Aiman Ashmawy haben mit ihren Teams auf dem Gelände des antiken Heliopolis eine etwa acht Meter große Statue des berühmten und historisch außerordentlich bedeutenden Pharaos Ramses II. aus Quarzit gefunden; sie ist mehr als 3200 Jahre alt. Die Krone mit Teilen des Kopfes konnten sie schon aus der Grube heben. Der Torso vom Bauchnabel bis zur Oberlippe, Raue schätzt ihn auf sieben Tonnen, soll an diesem Montag folgen. "Wenn man so einen Koloss vor sich hat, weiß man: Das passiert wahrscheinlich nicht noch einmal in diesem Leben", sagt Raue.

Es ist wohl der bedeutendste Fund seiner Karriere - und einer Grabungsstätte, die womöglich bald nicht mehr existiert. Der Bezirk des einstigen Sonnentempels liegt heute im Stadtgebiet von Kairo, umgeben von informellen Siedlungen des Viertels Matariya. Das Gelände gehört nicht, wie etwa die Tempelanlagen in Luxor, dem Ministerium für Altertümer. Es soll schon seit Jahren zugebaut werden. Zu groß ist der Druck, Wohnraum für die rapide wachsende Bevölkerung zu schaffen. Bis 1. April noch gilt ein Baustopp, bis dahin sollte die Erkundung des Gebiets abgeschlossen sein. Vielleicht bringt die ebenso sensationelle wie unerwartete Entdeckung nun noch einmal Aufschub.

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Urlaubsdias seines Geschichtslehrers in der fünften Klasse in Leverkusen und dessen Erzählungen von einer Studienreise weckten Raues Interesse am alten Ägypten und der Archäologie. Nachdem er 1986 sein Studium in Heidelberg begonnen hatte, absolvierte er vier Jahre später ein Gastsemester an der Freien Universität Berlin. Dort fiel, als er nicht weiterkam bei der Vorbereitung eines Seminars, sein Blick in der Bibliothek auf ein Buch über Heliopolis. "Ich begann zu lesen und dachte, da muss es doch mehr geben", sagt er. Doch es gab keine weitere Literatur. Er hatte das Thema seiner Promotion gefunden, die er 1996 abschloss.

Raue, 49, heute Kurator des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig , forschte anschließend in Ägypten, von 2000 bis 2010 am Deutschen Archäologischen Institut in Kairo. Zwei Jahre später kehrte er nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak in die ägyptische Hauptstadt zurück. In den Wirren nach der Revolution und der folgenden Rechtlosigkeit wuchsen Schwarzbauten in dem einstigen Tempelbezirk in die Höhe, andere Teile des Geländes dienten der 25-Millionen-Metropole als wilde Müllkippe, als Deponie für Bauschutt.

Raue und seine ägyptischen Partner versuchten, mit Unterstützung vor allem deutscher Geldgeber zu retten, was zu retten blieb. Bis heute sei die Arbeit "eine absolute Notgrabung", sagt Raue, ein Wettlauf mit der Zeit. Die Überreste des Tempels mit den gigantischen Ausmaßen von 1100 auf 900 Meter komplett auszugraben, ist unmöglich; größere Teile sind längst überbaut. Auch liegen die Fundstücke zweieinhalb Meter unter dem heutigen Grundwasserspiegel - das Gebiet müsste komplett trockengelegt werden, alleine wegen der Kosten undenkbar.

Schon eine zuvor gefundene 80 Zentimeter hohe Kalksteinbüste des altägyptischen Königs Sethos II. hatte vermuten lassen, dass in dem Schlamm noch mehr kulturelle Schätze verborgen liegen könnten; die Ramses-Statue, von "außerordentlicher kunsthandwerklicher Qualität", wie Raue sagt, nährt nun die Hoffnungen. Zumal sie wahrscheinlich zu einem Nebentempel gehörte - und die Archäologen davon ausgehen, dass es weitere solche Anlagen gab. "Ich hoffe, dass wir die Chance bekommen, die noch freizulegen", sagt Raue. Noch ist nicht einmal klar, ob sie den massiven Sockel der Ramses-Statue werden bergen können. Denn das könnte die Statik angrenzender Häuser gefährden.

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