Archäologie Warum wurden Menschen mit Steinen im Mund bestattet?

Dass es sich um Kampfwunden handelt, lässt sich ebenso ausschließen wie dass sie durch Grabungswerkzeug verursacht wurden. Das bestätigt auch Jo Appleby, die an der Universität von Leicester Dozentin für Archäologie ist und das knochenkundliche Labor leitet. Es handle sich ganz klar um Schnittspuren, die spätestens einige Monate oder Jahre nach dem Tod entstanden sein können - und damit um etwas sehr Ungewöhnliches: "Es gibt Gegenden und Zeitabschnitte, in denen es zum normalen Begräbnisritus gehört, das Fleisch von den Knochen zu entfernen und den Körper zu zerteilen", sagt sie. "Dort treten Schnittspuren häufig auf. Aber in normalen archäologischen Befunden aus dem Mittelalter in Britannien sind sie sehr selten."

Und noch eine Merkwürdigkeit: 17 der Knochen zeigten Spuren von Feuer, das allerdings nur kurz auf sie einwirkte, und zwar, als sie noch von Fleisch und Haut überzogen waren.

Die Forscher erwogen zunächst Kannibalismus als Erklärung für die Merkwürdigkeiten. Allein zwischen 1066 und 1300 listen die Chroniken zwölf größere Hungersnöte auf. Nicht auszuschließen, dass es in solchen Phasen zum Äußersten kam. Zwar ähnelt die Art, wie einige der Langknochen aufgebrochen waren, der Technik, mit der bei Tierknochen das Mark herausgeholt wird, und einige gruppierte Schnittspuren an den Rippen könnten auf eine "Filetierung" hindeuten. Die Brandspuren könnten von der Zubereitung des Fleisches herrühren. Doch wenn hier wirklich Hungerleidende ihre Mitmenschen verspeist hätten - warum konzentrieren sich dann die Schnittspuren am Hals und Kopf, den am wenigstens fleischreichen Körperteilen?

Am besten lassen sich die Merkwürdigkeiten so erklären

Hinzu kommt: Appleby weiß von keinen knochenkundlichen Hinweisen auf Kannibalismus aus Britannien oder Europa. Ohnehin könnten Schnittspuren nur beweisen, dass die Knochen in einer Weise bearbeitet wurden, die Kannibalismus wahrscheinlich macht. Dass Menschen tatsächlich von anderen Menschen gegessen wurden, lässt sich Appleby zufolge nur dann sicher beweisen, wenn sich im Kot menschliches Myoglobin, ein Eiweiß, findet, wie es an einem prähistorischen Fundort in Colorado der Fall sei.

Am besten lassen sich die Merkwürdigkeiten nach Angaben von Mays und seinen Kollegen damit erklären, dass hier Tote gehindert werden sollten, aus dem Grab zu steigen. Der Glaube an Wiedergänger sei im Mittelalter in Nord- und Westeuropa sehr verbreitet gewesen. In England stammten die ersten schriftlichen Überlieferungen dazu aus dem 11. Jahrhundert. Der am häufigsten praktizierte Weg, sie loszuwerden, sei, den Körper wieder auszugraben und ihn zu verstümmeln, etwa ihn zu köpfen und zu verbrennen. Das passt genau zu den Schnitt- und Brandspuren und der Deponierung außerhalb des üblichen Begräbnisortes.

Auch Appleby hält den Glauben an Wiedergänger für die plausibelste Erklärung. Was danach mit den Leichen passierte, ist nirgendwo beschrieben. Die Deponierung der als bedrohlich empfundenen Knochen in einem häuslichen Kontext wie in Wharram Percy scheint allerdings unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass hier auch Frauen und Kinder dabei sind - in den Schriftquellen sind Wiedergänger ausschließlich männlich. Die Autoren der Studie weisen aber darauf hin, dass die oft von Kirchenmännern geschriebenen Texte wohl nicht das vollständige Repertoire an Volksmärchen abbildeten.

Tatsächlich gibt es weitere Fundorte, an denen sich merkwürdige Begräbnisse mit Überlieferungen über Untote zu decken scheinen: In Drawsko in Polen wurden im 17. und 18. Jahrhundert mehrere Tote mit Steinen oder Sicheln auf dem Hals bestattet. In einem Fall war ein Ziegel in den Mund gerammt. Auch zwei Individuen aus dem 8. Jahrhundert in Kilteasheen in Irland wurden mit Steinen im Mund gefunden.

Und erst im Januar veröffentlichte Simon Mays, der auch die Knochen aus Wharram Percy untersucht hat, einen Befund aus römischer Zeit aus dem heutigen Northamptonshire: Das mit dem Gesicht nach unten liegende Skelett eines Mannes, dem offenbar die Zunge herausgeschnitten und der mit einem Stein im Mund bestattet worden war - auch das könnte darauf hinweisen, dass er als bedrohlich empfunden wurde. Eins kann aber auch die sorgfältigste archäologische Untersuchung nicht herausfinden: ob die Anti-Zombie-Maßnahmen Erfolg hatten.

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