Der Erregungsaufschieber dagegen braucht den Adrenalinschub, der ihn erst angesichts einer nahenden Abgabefrist kreativ werden lässt, dann aber zur Not tage- und nächtelang am Stück. Ob diese Arbeitsweise Zeichen besonderer Effizienz oder tückischen Selbstbetrugs ist, ist umstritten.
Anzeige
Gesellschaftliche Anerkennung für Erregungsaufschieber
"Wenn man sich lange genug einredet, dass man erst Stunden vor der Deadline arbeiten kann, brennt sich diese Überzeugung irgendwann ins Gehirn ein und wirkt selbstverstärkend", sagt Rückert.
Zudem profitiere der Erregungsaufschieber von gesellschaftlicher Anerkennung: "Man bekommt Bewunderung von der Front intellektueller Arbeiter. Wer immer brav seinen Zeitplan einhält, wird doch höchstens belächelt."
Der Erregungsaufschieber neigt zur Impulsivität und ist häufig in Berufen vertreten, in denen er schnell auf Unvorhergesehenes reagieren muss. Hohe geistige Flexibilität und die Bereitschaft, eine Tätigkeit zugunsten einer neuen, wichtigeren ruhen zu lassen, gehen bei ihm auf Kosten langfristiger Planung.
Beide Aufschiebetypen sind gut beraten, es mit der altbekannten To-do-Liste zu versuchen. "Ohne die geht gar nichts", sagt Fred Rist von der Universität Münster - und relativiert gleich darauf: "Das darf nicht zum Selbstzweck werden.
Es gibt Spezialisten, die beschäftigen sich allein mit dem Erstellen der Liste und glauben, damit sei das Schwerste bereits getan." Doch das ist nicht die einzige Falle: "Man muss das, was auf der Liste steht, auch wirklich wollen - oder sich besser gleich von dem Projekt verabschieden", sagt der Berliner Psychologe Rückert. Andernfalls rebelliere man sofort innerlich gegen den eigenen Plan.
Vor allem Menschen, die gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten, fällt es oft schwer, sich einem strikten Zeit- und Aufgabenplan unterzuordnen, weil sie ihre Autonomie bedroht sehen. Damit die Liste ihren Schrecken verliert, sollten auch Belohnungen wie Kaffeetrinken oder Computerspielen daraufstehen. Dann wird sie zum wichtigsten Hilfsmittel, mit dem Prokrastinierer den klassischen Dreischritt lernen, der sie von ihrem Übel befreien kann: hinsetzen, anfangen, durchhalten.
Weitere spannende Themen aus dem SZ Wissen finden Sie hier. Das neue Heft bekommen Sie jetzt am Kiosk.
Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4
(SZ Wissen 3/2008/mcs)
Ich hab mich selbst von dieser Krankheit geheilt. Hab das Problem auch jahrelang auf der Schule erlebt. "So morgen fängst du aber an zu lernen".
Ich sage mir jetzt einfach von Anfang an, dass ich es nicht mache :-D.
Schont auch länger gesehen das Gewissen.
so isses!
1. Unterscheiden zwischen Wichtig und Unwichtig
2. Die wichtigen Angelegenheiten einteilen in dringend und nichtdringend
3. Die wichtigsten, dringendsten Aufgaben erledigen
4. Warten
Und siehe da ein Großteil der anderen Sachen hat sich von alleine erledigt.
:-)))
Ich bin auch so ein Aufschieber. Lieber kommentiere ich Artikel in der SZ online ;-)
Viele Leute haben mir schon erzählt, dass sie lieber die unangenehmsten Arbeiten machen als eine Hausarbeit zu schreiben.
Meine These ist: Was aufgeschoben wird, ist Arbeit, die man eigentlich gar nicht tun will. Überflüssige Arbeit, die keine reale Bedeutung hat (zum Beispiel die hunderttausendste Hausarbeit über das gleiche Thema, über das es schon viele Bücher gibt, schreiben). Lebensfremde Arbeiten sind auch unbeliebt.
Außerdem schiebe ich gerne solche Arbeiten auf, bei denen ich mich unter Druck und nicht selbstbestimmt fühle.
Was ich "wirklich wirklich machen will"(Fritjhof Bergmann), das mache ich auch, ohne Aufschieben. Ich glaube, wir alle arbeiten viel Zeug, von dem wir wissen, dass es letztlich keinen echten Sinn hat. (Und manches davon macht sogar mehr kaputt als es nützt, menschlich und ökologisch.)
Diese Dimension fehlt mir in dem Artikel. Da wird unterstellt, dass die Aufgabe an sich sinnvoll und richtig sei.
Wer alles, aber auch wirklich alles zu dem Thema wissen will:
http://www.phdcomics.com/comics.php
Und ja, die Wirklichkeit ist wirklich so!