"Das Natürlichste der Welt"

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Dass das Prokrastinieren so verbreitet ist, wundert Rist nicht. "Aufschieben ist das Natürlichste der Welt." In prähistorischen Zeiten war es überlebenswichtig, alle Kraft auf den Moment zu richten; es ging um das Bestehen im Hier und Jetzt. Ob es eine Zukunft überhaupt geben würde, war in einer Zeit ohne Supermärkte und medizinische Versorgung äußerst fraglich, argumentiert Nando Pelusi von der St. John's University in New York.

Harte Arbeit, die sich erst in einer ungewissen Zukunft rentieren würde, wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Wo immer der Mensch damit durchkam, übte er sich im Nichtstun.

Bis heute hat sich das Gehirn dieses Prinzip bewahrt. Noch immer schätzt es die unmittelbare Belohnung mehr als ein künftiges Versprechen von Lob und Anerkennung. Eine Einstellung, die auch in der modernen Bürowelt noch von Nutzen ist. Nur wer sich zugesteht, die Reihenfolge seiner Aufgaben selbst festzulegen und dafür eine Angelegenheit auch mal um ein paar Tage zu verschieben, kann effizient arbeiten.

Es zahlt sich schließlich oft aus, abzuwarten und mehr Informationen zu sammeln. Entweder kann man sich der Aufgabe danach sachkundiger widmen oder sie hat sich von selbst erledigt. Wer aber immer alles sofort wegarbeiten will, kommt vor lauter Kleinkram nicht mehr zu den wichtigen Dingen. Nicht nur der Prokrastinierer hat ein Problem damit, seine Aufgaben zu priorisieren, sondern auch der Übereifrige, der nichts liegen lassen kann.

Von Natur aus ist also jeder Mensch ein Aufschieber. Die Kunst besteht darin, den richtigen Moment zu vermeiden, in dem aus kluger Zurückhaltung verhängnisvolles Prokrastinieren wird. Letzteres nämlich fordert irgendwann sogar finanzielle Opfer. Nach einer Hochrechnung von H & R Block, Amerikas größter Steuerberaterfirma, bezahlten die US-Bürger für das Jahr 2002 insgesamt 473 Millionen Dollar zu viel an Steuern, weil 40 Prozent ihre Erklärungen erst in letzter Minute und somit oft fehlerhaft erstellt hatten.

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