Von Thomas Anlauf

Auf Sylt attackieren Möwen immer häufiger Menschen, um ihnen Fischbrötchen, Crêpes und Mövenpick-Waffeln aus den Händen zu reißen. Es sollen sogar schon Kinder verletzt worden sein.

Sie lauern auf Vordächern und hohen Mauern. Im Sturzflug greifen die Möwen von Westerland an und reißen Touristen Fischbrötchen, Crêpes und Mövenpick-Waffeln aus den Händen.

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Die Möwen werden immer dreister. (© Foto: dpa)

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Seit Silber- und Lachmöwen in Scharen über die Inselhauptstadt Sylts herfallen, herrscht im Westerländer Rathaus Alarmstimmung.

Die Allesfresser, die sich zu Tausenden in der nordfriesischen Touristenhochburg niedergelassen haben, stellen mittlerweile eine veritable Bedrohung dar. Touristen wie Einheimische werden von den gefräßigen Vögeln attackiert, es sollen sogar schon Kinder von den spitzen Schnäbeln der Möwen verletzt worden sein.

"Auch meine Tochter ist auf dem Rad von einer Möwe angegriffen worden - obwohl sie nicht einmal etwas Essbares bei sich hatte", klagt Bürgermeisterin Petra Reiber. Angeblich haben Urlauber ihre Unterkünfte storniert, weil sie beim Frühstück am Balkon von Möwen belästigt worden sind, andere fühlen sich wegen des nächtlichen Geschreis der Tiere um den Schlaf gebracht. Drei Millionen Übernachtungen verzeichnet Westerland im Jahr - ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Die unheimliche Invasion der Meeresvögel, die manchen Westerländer an Hitchcocks "Vögel" erinnert, begann beinahe über Nacht, als vor drei Jahren die nahegelegene Mülldeponie geschlossen wurde.

Etwa zur selben Zeit verschwanden wegen veränderter Strömungsverhältnisse mehrere Sandbänke in den Fluten vor Sylt. Und über den Hindenburgdamm wanderte der Fuchs auf die Ferieninsel ein und scheuchte eine Vogelkolonie in den Dünen auf. So erzählt es Petra Reiber und blickt aus ihrem Bürgermeisterzimmer direkt auf die neue Heimat der ungeliebten Möwen: die Hochhäuser von Westerland.

Urlauber haben Möwen die Stadt schmackhaft gemacht

Die Tiere hätten kaum bessere Nistplätze finden können: Trockene, gekieste Flachdächer hoch über den potentiellen Eierdieben Fuchs und Iltis. Von hier aus sind es nur ein paar Flügelschläge zur Einflugschneise Friedrichstraße, vorbei an diversen Fischrestaurants direkt zum Futterplatz an der Strandpromenade.

Denn viele Urlauber haben den Möwen die Stadt erst richtig schmackhaft gemacht. Um die prächtigen Silbermöwen vor die Kameras zu locken, wurde in der Vergangenheit schon mal die Brotzeit als Köder eingesetzt.

Seit vergangenem Frühjahr gilt jedoch striktes Fütterungsverbot für die Möwen - mit drastischen Bußgeldandrohungen. Das zeigt erste Wirkung, sagt Petra Reiber, die in Zusammenarbeit mit dem Tourismus-Service einen Flyer erstellen ließ, in dem vor den Möwen gewarnt und das Verbot erläutert wird. So geschehe es regelmäßig, dass Möwen "Menschen so lange attackieren, bis diese ihre Leckerbissen fallen lassen".

Die Westerländer meinen es ernst im Kampf gegen die Möwenplage. Nach Krisensitzungen der Stadtspitze mit Jägern, Naturschützern und Hauseigentümern sollen den Möwen mit Netzen und Spikes das Leben auf den Dächern schwergemacht werden, leere Nester werden zerstört. In der Stadt sind möwensichere Abfallbehälter aufgestellt, sogar der Turnus der Müllabfuhr ist fast verdoppelt worden.

Ob das alles hilft? Petra Reiber kann nur hoffen, die Brutzeit hat gerade erst begonnen. Unten an der Strandpromenade kreisen unbeirrt Möwen über der kleinen Crêperie mit der Warntafel "Bitte auf die Möwen achten". Es klingt, als würden sie herablachen.

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(SZ vom 02.05.2008/mcs)