Von Christina Berndt

Die Angst vor verborgenen Erbkrankheiten treibt viele Eltern um. Eine Frankfurter Firma wirbt nun für Gen-Tests, doch das Angebot gilt als sinnlos und bedenklich.

Wenn der Nachwuchs den Kreißsaal mit seinem ersehnten Schrei erfüllt und schon die ersten Untersuchungen absolviert hat, ist die Angst vor einem kranken Kind für manche Eltern noch lange nicht ausgestanden.

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Die Geburt ist überstanden. Doch die Angst um die Gesundheit des Kindes bleibt. (© Foto: dpa)

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Auch wenn das Baby augenscheinlich gesund ist: Die Sorge, in seinem Erbgut lauerten verborgene Krankheiten, treibt Eltern um.

Das hat auch eine Frankfurter Firma erkannt. Seit kurzem bietet Humatrix Eltern einen Gen-Check für ihr Neugeborenes an.

Durch ihre Erbgut-Tests drohten "weniger Gesundheitsrisiken fürs Baby", verspricht die Firma vollmundig und verbreitet auch gleich noch ein bisschen Angst: Die elf Krankheiten im Angebot seien "alles Veranlagungen mit ansonsten dramatischen Folgen für das Kind".

Dagegen hilft Humatrix' Versprechungen zufolge allein ein bisschen Spucke auf einem Wattestäbchen. "Dieser Wattetupfer kann die Lebensqualität von Kindern erheblich verbessern", wirbt die Firma.

Das sieht Peter Propping nicht so: "Die meisten der angebotenen Tests bringen überhaupt nichts", sagt der Leiter des Instituts für Humangenetik an der Universität Bonn. Bei vielen Krankheiten seien die genetischen Grundlagen nicht gesichert; und in anderen Fällen nütze das Wissen um die Auffälligkeiten im Erbgut schlichtweg nichts: Vorsorge sei nicht möglich oder nötig oder es gebe eben keine Behandlungsmöglichkeiten.

Beispiel AAT-Mangel: Kinder mit dieser Stoffwechselerkrankung erleiden auffallend häufig eine Bronchitis; später entwickeln sie oft ein Lungenemphysem und Leberfibrose.

"Wenn ein Mensch aber noch keine Krankheitssymptome hat, ist dieser Gentest sinnlos", beklagt Propping. Gegen die Krankheit lasse sich derzeit nichts machen. "Bisher gibt es keine Therapie, die das Experimentierstadium überwunden hat."

Auch den Test auf Laktose-Intoleranz sieht der Humangenetiker kritisch. Fünf bis 15 Prozent der deutschen Bevölkerung vertragen wegen ihrer Gene keine Kuhmilch. Gefährlich ist das aber nicht.

"Die Mutation zeigt sich, wenn die Kinder mit drei oder vier Jahren unter Durchfall leiden", erläutert Propping. "Im Neugeborenenalter müssen die Eltern nichts darüber wissen. Sonst wird nur Vorsorge getroffen, bevor es nötig ist. Man könnte das auch als Aktionismus bezeichnen."

Geradezu lächerliche Tests

Geradezu lächerlich seien die angebotenen Tests auf Osteoporose und Parodontitis. "Hierzu gibt es keine überzeugende Genetik", so Propping. Dies gelte auch für den Test auf Fettleibigkeit.

"Bisher sind nur ganz wenige Gene bekannt, die mit seltenen Formen von Adipositas zusammenhängen", erläutert der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik. Diese Mutationen spielten in den allermeisten Fällen keine Rolle, wenn Menschen fett werden.

Gleichwohl hat Humatrix bereits rund 200 Frauenärzte gefunden, die ihren schwangeren Patientinnen die Tests noch vor der Niederkunft anbieten.

Dabei verstößt der Baby-Gen-Check Propping zufolge sogar gegen Richtlinien der Bundesärztekammer: Sie geben klar vor, bei Minderjährigen das Erbgut nur dann zu durchstöbern, wenn die Erkenntnisse auch weiterhelfen.

Daher sollen ausschließlich Krankheiten getestet werden, für die es sinnvolle Vorsorgemaßnahmen oder wirksame Therapien gibt. "Gerade bei Kindern sollte man das Recht auf Nichtwissen nur verletzen, wenn sie direkt profitieren", so Propping.

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