Andalusien Erdbeeren aus der Wüste

Weil Europas Verbraucher auch im Winter frisches Obst wollen, verödet Südspanien. Die Umweltaktivisten vor Ort nehmen den Kampf auf.

Von Sebastian Schoepp

Vicente Conde hat nicht das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun. Was sollte an Erdbeeren schlecht sein? Auf fünf Hektar Fläche baut er die Früchte nahe der südspanischen Stadt Huelva an.

,,Ein gutes Geschäft'', sagt der drahtige Mann, als er mit Gummistiefeln durch den nassen Sand stapft.

Jetzt im Winter greifen die Konsumenten in mitteleuropäischen Supermärkten gerne zu den Körbchen mit den dicken, roten, perfekt geformten, etwas wässrigen Beeren der Züchtung Freson.

Die reifen im warmen andalusischen Klima schon von Dezember an, weshalb Huelva Spaniens größtes Erdbeeranbaugebiet ist.

10.000 Euro pro Hektar und Saison bringt das etwa ein. Der Aufwand ist gering: Plastikfolie über die Beete, ein halbes Dutzend Erntearbeiter aus Osteuropa, die Brunnen für die Bewässerung bohrt der Bauer selbst. Den Grund hat er von der Gemeinde gepachtet, ,,alles legal'', versichert Vicente Conde.

,,Von wegen legal'', sagt Felipe Fuentelsaz, andalusischer Aktivist des Umweltverbandes WWF. Der Bauer habe einen Wald gepachtet, keinen landwirtschaftlichen Grund. Die Pinien aber hat Vicente Conde abgehackt, seine Nachbarn rundherum taten dasselbe. So frisst sich die graue Plastikwüste in einen der letzten großen Wälder der Region, die zu den trockensten Spaniens zählt.

2000 Hektar Wald sind bei Huelva in den vergangenen Jahren Erdbeerplantagen geopfert worden, und es werden immer mehr. Allein 2005 tobten dort 30 Waldbrände. Kurz danach sprießen meist schon die Erdbeeren. Die Behörden schauen weg. Hier hat man das immer so gemacht.

Brüssel selbst befeuert den Raubbau

Erdbeeren, Himbeeren, Blaubeeren, Tomaten, Gurken, Kopfsalat: Die industrielle Landwirtschaft hat dafür gesorgt, dass große Teile Südspaniens im Satellitenbild so aussehen, als hätte jemand eine gigantische Plastiktüte darüber gestülpt. Allein in den Erdbeerfeldern bei Huelva fallen jährlich 4500 Tonnen Plastikabfall an, der zum Recyclen in die USA verschifft wird. Noch beunruhigender aber ist der unstillbare Wasserdurst der wuchernden Agrarindustrie.

Das spanische Umweltministerium schätzt, dass die Landwirtschaft im ganzen Land etwa eine halbe Million illegaler Brunnen betreibt, die pro Jahr eine Grundwassermenge fördern, die den Bedarf von fast 60 Millionen Menschen decken könnte. Manche Bohrlöcher reichen bis zu 1200 Meter in die Tiefe, wie bei der Stadt Jaen. Dort ist man darauf gekommen, dass Olivenbäume die dreifache Menge Früchte tragen, wenn man sie bewässert. Der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch.

Und das in einer Region, die vom Klimawandel besonders stark betroffen ist. In Spanien haben drei Dürresommer in Folge die Reserven in den Stauseen auf 40 Prozent ihrer Kapazität sinken lassen. In Nachbarländern wie Marokko zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Fast zwei Drittel des Mittelmeerraums drohen laut EU-Daten in den nächsten Jahrzehnten zu Wüsten zu werden.

Doch Brüssel selbst befeuert den Raubbau, indem die EU-Subventionen in den Anbau auch unsinniger Feldfrüchte wie Zuckerrüben pumpt und so zur Überproduktion anspornt. 30 Prozent der Erdbeer-Ernte von Huelva wurde 2005 vernichtet.

Weil das Grundwasser langsam knapp wird, sollen Flüsse umgeleitet und Reservoirs angezapft werden. So hofft Bauer Vicente Conde darauf, dass er bald über eine Pipeline Wasser vom Rio Tinto bekommt. Für Guido Schmidt vom spanischen WWF eine Horrorvision. Der ,,Schwarze Fluss'' heißt so, weil er aus der Minenregion in der Sierra Morena kommt und voller Schwermetalle ist.