Anti-Malaria-Mittel für Soldaten Wahnvorstellungen als Nebenwirkung

Ein neuer Erklärungsversuch des Amoklaufs von Robert Bales in Afghanistan geht in eine ungewöhnliche Richtung: Hat ihn möglicherweise das Anti-Malaria-Mittel Lariam vorübergehend um den Verstand gebracht? Das Medikament ist bekannt dafür, dass es Halluzinationen und Psychosen auslösen kann. Auch die deutschen Soldaten in Afghanistan schützen sich mit dem Mittel vor der Krankheit.

Von Markus C. Schulte von Drach

Eine ganze Reihe von Versuchen gibt es inzwischen, mit denen man versucht, die Morde des US-Soldaten Robert Bales in Afghanistan zu erklären. Der 38-Jährige hat 17 Zivilisten, darunter etliche Kinder, getötet.

Zwar kommt es in Kriegen immer wieder zu Gräueltaten von Soldaten. Bales Verhalten - er war offenbar auf eigene Faust nachts allein in afghanische Häuser eingedrungen und hatte seine Opfer erschossen - erinnert allerdings mehr an einen Amoklauf als an Kriegsverbrechen wie die Massaker von My Lai und Haditha oder die Morde des "Kill Teams" in Afghanistan.

Zu den Erklärungsversuchen gehört eine Kopfverletzung, die Bales sich 2010 im Irak zugezogen hat - möglicherweise mit Auswirkungen auf sein Gehirn. Vielleicht litt er nach seinen drei vorangegangenen Einsätzen im Irak auch unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, verstärkt dadurch, dass er erleben musste, wie ein Kamerad schwer verletzt wurde.

Nach Angaben seines Anwalts dürfte Bales jedenfalls psychische Probleme gehabt haben. Angeblich hatte er auch ein Alkoholproblem, finanzielle Schwierigkeiten daheim und er war frustriert, weil er nicht - wie erwartet - befördert worden war. Dass solche Faktoren jemanden dazu bringen sollen, Kinder zu töten, ist schwer zu verstehen, zumal Tausende von Amerikanern ähnliche Belastungen ertragen müssen, und nicht durchdrehen.

Eine weitere mögliche Erklärung hat nun die langjährige Army-Psychologin Elspeth Cameron Ritchie im Time Magazine vorgeschlagen - eine Erklärung, die auf den ersten Blick abwegig wirkt: Das Anti-Malaria-Mittel Lariam könnte bei Robert Bales eine Psychose ausgelöst haben.

Ausgeschlossen ist das nicht. Bislang hat das Militär keine Auskunft darüber gegeben, ob Bales das Mittel genommen hat. Sollte dies der Fall sein, könnte das seiner Verteidigung nutzen.

Die US-Armee hat den Einsatz des weit verbreiteten Medikaments mit dem Wirkstoff Mefloquin bereits seit 2009 deutlich eingeschränkt. Der Grund: Das Mittel kann schwere neuropsychiatrische Nebenwirkungen auslösen - darunter Angstzustände, Depressionen, Halluzinationen, Paranoia, aggressives Verhalten und Psychosen. Außerdem erhöht es offenbar die Gefahr für Suizid.

Es sieht demnach so aus, dass der Wirkstoff die Hirnchemie und damit die Wahrnehmung und das Bewusstsein negativ beeinflussen kann. Deshalb entschied die Army-Führung vor drei Jahren, dass Lariam niemandem verabreicht werden sollte, der unter Symptomen eines Hirntraumas, einer Depression oder einer Angststörung leidet - was für viele Soldaten zutrifft, die im Irak und in Afghanistan eingesetzt wurden.

Nur in bestimmten Fällen soll Lariam seitdem noch verwendet werden - zum Beispiel dort, wo die Malariaerreger gegen ein anderes empfohlenes Malariamittel, Doxycyclin, resistent sind. Während in der Army und der Air Force der Einsatz seitdem deutlich reduziert wurde, verwenden Navy und Marine Corps Lariam noch immer.

Bevor die Army, die Lariam selbst in den 70er Jahren entwickelt hat, sich gegen das Mittel entschieden hatte, war es zu einer Reihe von Verbrechen und Selbstmorden gekommen, die möglicherweise mit dessen Wirkstoff zusammenhängen. So wurde diskutiert, ob kanadische Soldaten, die 1993 in Somalia einen einheimischen Jugendlichen misshandelt und totgeschlagen hatten, unter dem Einfluss des Medikaments standen. Die eingesetzte Untersuchungskommission konnte das nicht bestätigen - obwohl kanadische Soldaten von Anfällen von Paranoia, Halluzinationen und Selbstmordgedanken berichteten.