Es scheint also eine genetische Veranlagung zu geben, die sie eine Handlung wie das Eierlegen überspringen lässt, wenn ein anderes Tier in unmittelbarer Nähe bereits damit beschäftigt ist. Doch auch das beantwortet die Preisfrage nicht: Wie sind Superorganismen entstanden, in denen die Mehrzahl der Mitglieder auf Nachkommen verzichtet?

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Verwandten- und Gruppenselektion

Wilson und Hölldobler kombinieren in ihrem Buch die oft gegeneinander gestellten Modelle der Verwandten- und Gruppenselektion. Natürliche Selektion greife stets an mehreren Ebenen an - den Genen, Individuen oder Familien. So setze sich die Bereitschaft, Brutpflege für Artgenossen zu übernehmen, nach der Verwandtenselektion in einer Population durch, wenn die Empfänger selbstloser Akte selbst Träger dieses altruistischen Genprogramms sind.

Wären sie nicht miteinander verwandt, gelänge das allerdings nicht - Kooperation unter Nicht-Verwandten, wie sie durch die klassische Gruppenselektion erklärt werden, geht nie so weit, dass Individuen darauf verzichten, ihre eigenen Gene selbst oder über Verwandte zu verbreiten. Verwandtenselektion wiederum wirke sich auf die Gemeinschaft aus.

Wenn die gegenseitige Hilfe verwandter Individuen den Sozialverband stärkt, schlägt dieser womöglich andere Gruppen aus dem Feld. Ganz im Sinne der Gruppenselektion konkurrieren hier Sozietäten als Ganzes miteinander.

Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu komplexen Staaten. Durch Selektionsdruck gefördert, beginnen Jungtiere, im Nest zu bleiben, um sich dauerhaft um die weitere Nachkommenschaft - ihre Geschwister - zu kümmern.

In besonders artenreichen Ökosystemen kann der Kampf um die Ressourcen dann zu so hoch entwickelten Insektenstaaten wie die Blattschneiderameisen Mittel- und Südamerikas führen. In solchen Kollektiven sind alle Individuen auf Gedeih und Verderb mit der Gemeinschaft verbunden - sie sind wie Zellen eines neuen Körpers, des Superorganismus.

Dass sich beide Selektionsmodelle vereinbaren lassen, halten Experten wie der Zoologe Jürgen Heinze von der Universität Regensburg für plausibel. Doch warum wird der Streit oft so hitzig weitergeführt?

Die Wissenschaftsphilosophin Ayelet Shavit von der University of California in Davis vermutet, dass beide Lager "hoffen, dass ihre unterschiedlichen Modelle sich auf reale evolutionäre Prozesse beziehen - und ihre bevorzugten Konzepte letztlich die bedeutenderen sind".

Genau das lässt sich an dem bewunderten Altmeister der amerikanischen Wissenschaftsszene, dem ohne Unterlass publizierenden Wilson beobachten. Gerade hat er mit seinem - nicht verwandten - Namensvetter David Sloan Wilson, Biologe an der Binghamton University im US-Bundesstaat New York, einen Aufsatz in der Wissenschaftszeitschrift American Scientist unter der Titel "Evolution zum Wohle der Gruppe" veröffentlicht.

Darin erklären die Autoren unmissverständlich, dass Gruppenselektion weit mehr als nur eine Theorie sei. Und sie sind optimistisch, dass beide Modelle eines Tages als Abbilder treibender Kräfte der Evolution anerkannt werden. "Künftige Evolutionsbiologen werden auf diese Debatte zurückblicken", schreiben sie, "und sich wundern, um was sich der Disput gedreht hat."

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(SZ vom 28.10.2008/mcs)