Von Christoph Behrens

Einfach nur Energiesparen? Ach was, Gebäude werden in Zukunft sogar Strom und Wärme produzieren. Denn Bauingenieure, Physiker, Architekten, Energietechniker und Stadtplaner entwickeln das Aktivhaus.

Bis heute stehen Häuser eher herum, spenden ihren Bewohnern Schutz und Wärme - aber selbst etwas tun können sie nicht so recht. Gerd Hauser will das ändern. Der Bauphysiker von der Technischen Universität München (TUM) möchte erreichen, dass Gebäude aktiv werden.

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"Um den Faktor 15", sagte Hauser kürzlich in München, seien Neubauten heute sparsamer als noch vor fünfzig Jahren. "Zukünftige Häuser könnten selbst Energie liefern." Bis zum Ende des Jahrzehnts sollte das die Regel sein, hofft er.

"Was können Gebäude und Städte zur Energiewende beitragen?", fragte die TUM auf einem Symposium des Zentrums für energieeffizientes und nachhaltiges Bauen - und die versammelten Bauingenieure, Physiker, Architekten, Energietechniker und Stadtplaner sprachen über Energienutzungspläne, Wärmebrückeneffekte und Vakuumverglasungen.

Der Architekt Jochen Stopper etwa warf ein Bild an die Wand, den Entwurf eines Familienhauses samt Garten, viel Holz und Glas ist zu sehen, ein weißes Elektroauto parkt in der Garage.

"Die komplette Dachfläche ist von Photovoltaik bedeckt", erläutert Stopper. Zusammen mit dem Einsatz von Solarthermie für warmes Wasser und einer Anlage zur Wärmerückgewinnung sei das etwa eine halbe Million Euro teure Haus in der Lage, übers Jahr hinweg einen Energieüberschuss zu erzeugen.Auch für zwei Elektroautos sei noch Strom vorhanden.

Mehrere TUM-Fakultäten hatten den Entwurf bei einem Wettbewerb des Bundes eingereicht, waren aber knapp an der Konkurrenz von der Uni Stuttgart gescheitert. Die Kanzlerin selbst möchte deren Siegerhaus bald in Berlin einweihen, eine per Los bestimmte "Standard-Nutzer-Familie" soll darin einziehen.

Dass es möglich ist, solche Häuser zu bauen, haben die Forscher damit gezeigt. Aber ist es auch praktikabel? Die Teilnehmer der Konferenz machten deutlich, dass die Realisierung solcher Vorhaben noch an vielen Stellen hakt. Beispielsweise kann ein Plus-Energie-Haus nur im Sommer genügend Strom produzieren.

Dabei muss der Überschuss-Strom sofort ins Netz, weil das Speichern großer Mengen Energie noch nicht so recht klappt. Im Winter braucht es hingegen Strom, weil die Sonneneinstrahlung nicht ausreicht. "Wir müssen umdenken, nur noch dann Strom verbrauchen, wenn er produziert wird", sagte Hauser. Am liebsten würde er die produzierte elektrische Energie gleich in Wasserstoff oder Methan speichern. Dazu gibt es jedoch noch kaum Infrastruktur.

Auch geht der Energieverbrauch insgesamt nicht merklich zurück, obwohl die Neubauten immer sparsamer werden. Seit Jahren benötigen private Verbraucher rund eine Terawattstunde Energie pro Jahr, das ist eine Eins mit Zwölf Nullen. Heizung und Warmwasser machen 80 Prozent davon aus.

Vor allem die Altbauten sind ein Problem. Rund drei Prozent davon müssten pro Jahr saniert und besser gedämmt werden, die tatsächliche Quote liegt der hohen Kosten wegen bei weniger als einem Prozent. Auch wächst der Wohnraum seit Jahren beständig.

Um nicht nur für einzelne Gebäude, sondern für ganze Städte zu planen, müssen die Forscher in Zukunft viel vernetzter denken. Um zu entscheiden, ob sich etwa ein Fernwärmenetz lohnt, müssen sie fast schon zu Historikern werden, alte Bauanträge sichten, die Geschichte von Häusern studieren und historische Bebauungspläne aus den Stadtarchiven kramen. Und selbst bei der besten Datenlage ist nicht sicher, ob auch die Bürger ein neues Energiekonzept mittragen.

Der Energietechnik-Professor Thomas Hamacher berichtete, wie eine Gruppe Bürger versuchte, sein Energiekonzept für die Stadt Greifswald zu stoppen.

Kaum zu steuern ist auch das Verhalten der einzelnen Bewohner. "Was nützt es", fragte Bauphysiker Hauser, "wenn wir jemandem das beste Haus hinstellen, und dann lässt er ständig das Fenster offen?"

Der Inhaber des Lehrstuhls für Bauklimatik und Haustechnik, Gerhard Hausladen, hingegen warnte bereits vor der Übertechnisierung der Gebäude. "Mich wundert es, dass Gebäude heute überhaupt noch funktionieren bei all der Technik," sagte Hausladen. Was sei denn überhaupt ein gutes Gebäude? Eines, bei dem ständig die Rollos auf und ab fahren? "Da wirst ja verrückt!" Wenn die Leute kein Fenster mehr aufmachen könnten, würden sie krank. "Wir haben zickige Häuser gebaut", sagte Hausladen. "Wir müssen wieder robuste Häuser bauen."

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(SZ vom 30.11.2011/mcs)