Alternative Energiequelle Feuer aus dem Eis

Tatsächlich erweisen sich angebliche Großreservoire regelmäßig als Fehlschlag. Schuld ist die Erkundungstechnologie. Mit dem üblichen "Durchleuchten" des Untergrundes mittels Schallwellen lässt sich zwar meist erkennen, ob Methangas enthalten ist, aber nicht wie viel.

Selbst Bohrungen geben nur begrenzt Aufschluss über das wahre Potential. Die Menge an Gashydrat kann an wenige Meter nebeneinander liegenden Orten stark variieren, sodass lohnenswerte Lagerstätten nur sehr schwer zu finden sind.

Sogar der nach dem Rohstoff benannte Hydrat-Rücken vor der Westküste der USA war ein Flop - nur ein Prozent des Sedimentes auf dem Unterseeberg bestand aus dem energiereichen Material. Das Eis sei häufig so fein im Sediment verteilt, dass sich ein Abbau nicht lohnte, bestätigt der Geophysiker Alexei Milkov von der Ölfirma BP.

Misstrauen bei den Wissenschaftlern

Entsprechend misstrauisch verfolgen Wissenschaftler den aktuellen Jubel über die angebliche Entdeckung großer Lagerstätten in Asien. Sauber dokumentierte Veröffentlichungen von Methanhydrat-Funden sind selten, Rohstofffirmen halten sie oft geheim.

Über die jüngsten Großfunde in China und Indien etwa sei wenig bekannt, erklärt Jean Laherrère. 300 Meter dick sollen die Schichten vor Indien sein, die Methanhydrat enthalten. Auf Fotos des herausgebohrten Meeresschlamms sei jedoch nur wenig Hydrat zu erkennen, gibt Laherrère zu Bedenken. Wie stark das Eis bereits getaut war, bevor es fotografiert wurde, ist allerdings unbekannt.

Trotz der Skepsis berichten noch immer zahlreiche Regierungsberichte, Forschungsanträge oder Zeitungsartikel von einem gigantischen Methanhydrat-Potential. 10.000 Gigatonnen Kohlenstoff sollen in Methanhydraten weltweit zu finden sein, kolportieren sie seit zehn Jahren - Kohlenstoffverbindungen speichern Energie. Das entspräche mehr als der doppelten Menge aller Erdöl-, Erdgas- und Kohlelagerstätten zusammen. Dabei haben Wissenschaftler die Schätzung längst relativiert.

Geophysiker Milkov - einer der kenntnisreichsten Experten auf dem Gebiet - beziffert die weltweite Kohlenstoffmenge aus Methanhydraten mit 500 bis 2500 Gigatonnen. Kaum ein Forscher glaubt noch an mehr als 3000 Gigatonnen. Doch auch diese Gasmenge übertrifft die Menge an konventionellem Erdgas bei weitem, betont Klaus Wallmann.

Manches Methanhydrat-Lager verspricht offenbar eine Goldgrube. Vor der Amazonasmündung läge möglicherweise ein Vorkommen im Wert von einer Billion Euro, berichtet Wallmann. Mindestens 70 lohnenswerte Lagerstätten gäbe es weltweit, meint selbst der skeptische Meeresgeologe Valery Soloviev von der Universität St.Petersburg, der angesichts des Erkundungsbooms gerne abschätzig von der "Methanhydrat-Mythologie" spricht. An diesen Orten sei der Tiefsee-Bergbau realistisch - allerdings erst in ferner Zukunft, wenn geeignete Fördertechnik entwickelt worden sei, meint Soloviev.

Diese Zeit scheint auf einmal näher gerückt, seit nun im kanadischen Mallik das Gas aus dem Eis gewonnen werden konnte. Es bedurfte einer Spezialbohrung und viel Energie, um das Gas aus dem Untergrund zu pumpen. Dafür wurde warme Luft in den Untergrund gepresst. Sie taute das Eis, das Gas trat aus.

Die Zersetzung kühlt allerdings den Boden, der rasch wieder gefroren wäre, wenn das Wasser nicht stetig abgesaugt worden wäre. Wie groß die Förderrate war, wollen die Forscher erst noch in Fachmagazinen publizieren. Das System funktioniere, der Erdölkonzern BP zeige Interesse an der Übernahme der Förderung, betonte Brenda Pierce in Oslo.

Um Methanhydrate auch aus dem Meeresboden erschließen zu können, wollen Klaus Wallmann und seine Kollegen im Forschungsprojekt "Sugar" nun ein noch komplizierteres Verfahren testen. Kohlendioxid (CO2) soll in den Untergrund gepresst werden. Unter einem bestimmten Druck löst es das Eis und verdrängt das wertvolle Methangas.

Noch hat das System allerdings nur im Labor funktioniert, die ersten Großversuche sollen aber bald folgen. Die Forscher hoffen, mit der Methode nicht nur Methangas zu gewinnen, sondern zudem das Treibhausgas CO2 in der Erde entsorgen zu können - ein mögliches Mittel, um die Erderwärmung zu bremsen.