Alternative Energien "Die Ziele sind zu schaffen"

Um 2050 den Beitrag heimischer Biomasse auf 23 Prozent zu steigern, sollten verschiedene Faktoren zusammenwirken. Zum einen würde sich der Energiebedarf bis dahin halbieren, nahm man an, zum anderen nach Zahlen der FNR die Anbaufläche für Energiepflanzen von 1,8 auf vier Millionen Hektar steigen. Für den Rest wären Ertragssteigerungen notwendig. "Das meiste davon kommt aus Fortschritten bei der Pflanzenzüchtung, nicht aus verstärktem Düngereinsatz", sagt Schütte.

Die FNR propagiert zudem die sogenannte Kaskadennutzung der Biomasse. Wo immer möglich solle aus den landwirtschaftlichen Erzeugnissen ein Produkt werden, das erst am Ende seiner Lebensdauer verbrannt werde. "Zum Beispiel ein Biopolymer, aus dem Plastikflaschen hergestellt werden. Das spart einmal fossile Rohstoffe, die man dafür bisher braucht, und dann noch einmal, wenn die Flasche verbrannt wird, weil sie nicht mehr wiederverwendet werden kann", erklärt Schütte. Für die Energiewende müsse Deutschland einfach alle nutzbaren Formen erneuerbarer Energien intelligent zusammenführen.

Das sieht auch der Vorsitzende des Bundesverbandes Bioenergie so. "Wir werden die Bioenergie nutzen müssen, daran führt überhaupt kein Weg vorbei", sagt Helmut Lamp, im Hauptberuf Weizenbauer an der Kieler Förde. Die Lufthansa habe ihm gesagt, entweder fliege man in 30 Jahren mit Biosprit oder gar nicht mehr. Sämtliche skeptische Prognosen der Wissenschaft hätten sich in der Vergangenheit als Fehlprognosen erwiesen, sagt er gelassen.

Und für die Ertragssteigerungen nimmt er den eigenen Hof als Beispiel: Hier habe ihm die Agrarforschung geholfen, seine Erträge in den vergangenen Jahrzehnten zu verdoppeln. Er pflüge den Acker nun zweimal so tief durch und setze Dünger gezielter und eher weniger ein. Wenn das stimmt, ist das eine neue Entwicklung: Wissenschaftlichen Studien zufolge, aus denen die Leopoldina zitiert, hat sich der Stickstoff-Austrag auf Felder seit 1965 verachtfacht.

Die Akademie verdammt die Biomasse auch nicht in Bausch und Bogen: Organische Abfälle zum Beispiel sollten mehr als bisher zur Energieproduktion genutzt werden, sagt Berichtskoordinator Rudolf Thauer. Und wo Biotreibstoffe nachhaltig erzeugt werden, sollten sie in der Tat für Flugzeuge und Lastwagen reserviert bleiben, die sich kaum elektrisch betreiben ließen.

Für den breiten Einsatz sehen viele Forscher den Ökosprit aber kritisch. Auch Hartmut Michel, Direktor am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt/Main, beklagt den "Unsinn der Biokraftstoffe". Ethanol aus Mais oder Diesel aus Raps sind seiner Analyse nach weit davon entfernt, im Tank gespeicherte Sonne zu sein, wie es bisweilen poetisch heißt.

Gerade mal ein Promille der Sonnenenergie finde sich im Biodiesel wieder; im Ethanol, das Benzin für die E-10-Mischung beigemengt wird, sind es zwei Promille. Das liegt vor allem daran, dass schon die Pflanzen das Licht schlecht verwerten, weil die Fotosynthese ein sehr ineffektiver Prozess ist. Damit kennt sich Michel aus, er hat für die Entschlüsselung eines der daran beteiligten Moleküle 1988 den Nobelpreis für Chemie bekommen. Die Umwandlung der Biomasse in flüssige Treibstoffe treibt die Bilanz dann weiter in den Keller.

"Die Produktion von Biokraftstoffen stellt eine extrem ineffiziente Nutzung landwirtschaftlicher Flächen dar", schließt Michel einen Kommentar im Fachblatt Angewandte Chemie. Das verfügbare Land lasse sich um den Faktor 600 besser nutzen, wenn dort Solarzellen Strom für Elektroautos erzeugen, als wenn hier Pflanzen für Biosprit wachsen, der in Motoren verbrannt wird. Damit sinke auch die Gefahr, dass der Anbau von Energiepflanzen die Lebensmittelpreise für die Armen der Welt in die Höhe treibt.