Alkohol in Deutschland Komasaufen nimmt zu

Besonders Senioren und Jugendliche landen immer häufiger mit akutem Rausch ins Krankenhaus. Weltweit liegt Deutschland beim Alkoholkonsum auf Platz fünf.

Die Deutschen saufen sich öfter ins Koma als in der Vergangenheit - auch wenn der Alkoholkonsum in den vergangen Jahren im Durchschnitt nicht gestiegen ist. Das geht aus dem Jahrbuch Sucht 2010 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervor.

Demnach kamen 2008 circa 109.300 Menschen mit akutem Rausch ins Krankenhaus. Das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes doppelt so viele wie im Jahr 2000.

Vor allem Jugendliche, aber auch Senioren trinken sich zunehmend ins Koma. Im Jahr 2008 mussten rund 25.700 Kinder und Jugendliche ins Krankenhaus gebracht werden, was eine Steigerung um fast das Dreifache im Vergleich zu 2000 darstellt.

Noch deutlicher ist der Anstieg bei Senioren. Rund 430 Menschen zwischen 80 und 85 Jahren wurden eingeliefert, mehr als dreimal so viele wie im Jahr 2000.

Beim Trinken sind die Deutschen Fünfter

"Akuter Rausch und sogenanntes Komasaufen ist nicht allein ein jugendspezifisches Alkoholproblem", erklärte Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der DHS. Durch Alkohol verursachte Gesundheitsstörungen führten jährlich zu mehr als 73.000 Toten. "Gut ein Fünftel aller Todesfälle zwischen 35 und 65 Jahren sind alkoholbedingte Todesfälle", sagte Gaßmann.

Weltweit liegt Deutschland beim Alkoholkonsum auf Platz fünf. Mehr wird nur noch in Luxemburg, Irland, Ungarn und Tschechien gesoffen, wie ein Vergleich der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2003 zeigt, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Getrunken wird nicht mehr so viel Bier wie früher: 2008 konsumierte jeder Deutsche 2008 durchschnittlich rund 111 Liter Bier, 0,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Dafür wurde Sekt beliebter. Der Verbrauch von Schaumweinen stieg um 2,6 Prozent auf 3,9 Liter. Der Weinkonsum nahm um 0,5 Prozent auf 20,7 Liter zu.

Insgesamt komsumieren laut Jahrbuch 9,5 Millionen Bundesbürger Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise. Davon spricht man, wenn Frauen mehr als 12 Gramm reinen Alkohol - etwa ein kleines Bier - und Männer mehr als 24 Gramm trinken - und zwar täglich. Und 1,3 Millionen Deutsche sind vom Alkohol abhängig.

"Veränderte gesellschaftliche Einschätzung des Rauchens"

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Experten in diesem Jahr dem Thema Alkohol und Gewalt. Projektmanagerin Christina Rummel sagte, drei von zehn Gewaltdelikten wie schwere Körperverletzung, Totschlag oder Vergewaltigung würden unter Alkoholeinfluss verübt. Opfer seien vor allem Frauen und Kinder. Frauen schlügen in der Regel nicht, wenn sie getrunken hätten. "Frauen trinken, wenn sie geschlagen wurden", sagte Rummel.

Von der Bundesregierung fordert die DHS nun eine großangelegte Kampagne gegen Alkohol.

Auch der Konsum anderer Suchtmittel wurde von der DHS untersucht. Demnach ging zum Beispiel der Pro-Kopf-Verbrauch an Zigaretten 3 auf 2,9 Zigaretten pro Tag zurück. "Wir haben eine veränderte gesellschaftliche Einschätzung des Rauchens", sagte DHS- Geschäftsführer Raphael Gaßmann. Raucher würden eher schräg angesehen. Rauchen gelte als "Zeichen der Unvernunft".

Das Rauchverbot in Gaststätten und der Bahn, die höhere Tabaksteuer und das Werbeverbot in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet hätten dazu beigetragen. Doch die Zahl der tabakbedingten Todesfälle wird in Deutschland oft unterschätzt. Gaßmann bezifferte sie auf 110.000 bis 140.000 pro Jahr.

Ein weiterer Schwerpunkt des Jahrbuchs ist der Missbrauch von Medikamenten. Mit der Zahl der älteren Menschen wächst auch ihre Bedeutung als Risikogruppe. Inzwischen würden 70 Prozent aller Medikamente von Menschen über 65 Jahren eingenommen, sagte Projektmanager Armin Koeppe.

Arzneimittel mit Suchtpotential

Genaue Zahlen gebe es nicht, sagte Koeppe. Nach Schätzungen haben 1,7 bis 2,8 Millionen der über 60 Jahre alten Menschen ein Problem mit Arzneimitteln oder sind sogar medikamentenabhängig. In der stationären Altenpflege werde der Anteil der Abhängigen auf mindestens 25 Prozent geschätzt. Und betroffen sind offenbar vor allem von Frauen.

Die im Alter oft auftretenden Schlafstörungen würden häufig mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln behandelt, den sogenannten Benzodiazepinen.

Gaßmann sagte, vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel besäßen ein eigenes Suchtpotenzial. "Schätzungsweise ein Drittel dieser Mittel werden nicht wegen akuter Probleme, sondern langfristig zur Suchterhaltung und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen verordnet." Der Prozess sei schleichend und werde häufig erst zu spät wahrgenommen. Nötig sei eine bessere Aufklärung von Ärzten und Patienten.