Alexander Shulgin gestorben Der Pate von Ecstasy

Alexander Shulgin starb im Alter von 88 Jahren an Krebs.

(Foto: AP)

Er war nicht der Erfinder, aber der Wegbereiter der Partydroge Ecstasy: Alexander Shulgin ist als großer alter Mann der psychedelischen Privatforschung gestorben.

Von Christian Weber

Hoffentlich hat er noch rechtzeitig ein letztes Mal etwas Schönes einwerfen können, bevor er am vergangenen Montag gegen fünf Uhr morgens im kalifornischen Lafayette dem Leberkrebs erlag. Er habe sanft diese Welt verlassen, heißt es, umgeben von seiner Familie und seinen besten Freunden. Gestorben ist Alexander Shulgin, 88 Jahre alt, ein amerikanischer Biochemiker und Pharmakologe, besser bekannt als der Pate von Ecstasy.

Er war eben nicht der Vater der berühmtesten Partydroge der Welt, wie häufig kolportiert wird, sondern nur ein Wissenschaftler, der das psychoaktive Potenzial von 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA) erkannt und einen neuen, einfacheren Syntheseweg entdeckt hatte. Eigentlich stammt MDMA aus den Laboren von Merck. Es war das Nebenprodukt eines Blutverdünnungsmittels, das bereits 1912 zum Patent eingereicht worden war.

Shulgin, geboren am 17. Juni 1925 in Kalifornien, Sohn russischer Immigranten, hatte nach dem Dienst in der US-Navy und dem Studium der Biochemie an der University of Berkeley als Industrie-Forscher angefangen. Es war eine Zeit, wo Geschichten möglich waren, die heute unglaublich klingen: Nachdem Shulgin für Dow Chemicals das äußerst profitable Pestizid Zectran entwickelt hatte, erlaubte sein Arbeitgeber ihm, sich mit jeglichen Chemikalien zu beschäftigen, die ihn interessierten. Shulgin interessierte sich vor allem für die psychedelischen Verbindungen.

Chemische Liebesgeschichte

Es begann eine chemische Liebesgeschichte, so lautet auch der Untertitel des gemeinsam mit seiner Frau Ann verfassten Buches PHIKAL, ein englisches Akronym für"Phenylethylamine, die ich kannte und liebte". Halb Autobiografie, halb Fachbuch, beschreibt es die Entwicklung, chemische Struktur und Wirkung von 179 psychoaktiven Substanzen. Kritiker nannten das Werk ein Drogenkochbuch.

Insgesamt synthetisierte Shulgin - schon bald arbeitete er in seinem abenteuerlich verkramten Heimlabor - über 200 synthetische bewusstseinsverändernde Substanzen, die er alle im Selbstversuch testete. Letztlich berühmt wurde er aber durch MDMA, dessen Straßenname Ecstasy lautet. Die Droge lindert die Angst, steigert Antrieb und Stimmung bis hin zur Euphorie. Unter Ecstasy können die meisten Menschen ungezwungen anderen Menschen nahe kommen. Anders als bei den klassischen Halluzinogenen wie LSD lösen sich aber nicht die Ich-Grenzen auf, und die Wirkungsdauer bleibt begrenzt.

Nachdem Shulgin die Effekte von MDMA dem Psychotherapeuten Leo Zeff vorgeführt hatte, verbreitete es sich schnell unter Psychologen und Therapeuten, die es in ihren Behandlungen nutzten. Viele bedauerten es, als ab Mitte der 80er Jahre MDMA nach und nach in den meisten Ländern verboten wurde, zumal die pure Droge bei normalem Konsum - trotz andauernder Diskussionen über Langzeiteffekte - vermutlich nicht besonders schädlich ist, verglichen etwa mit Alkohol.

Doch die Raver hatten die Substanz entdeckt, sie neigten zur Überdosis und zu riskantem Mischkonsum. Verunreinigte Pillen kamen auf den Markt. Vor allem aber ignorierten Dauertänzer die größte Gefahr von Ecstasy: Weil es entwässernd und temperatursteigernd wirkt, zugleich das Durstgefühl schwächt, droht eine Überhitzung des Körpers, die tödlich enden kann.

Shulgin missbilligte diese Entwicklung, obwohl er für die Freigabe aller Drogen plädierte und zur Kultfigur der Psychonauten wurde: "Wer sich eine psychedelische Droge reinknallt, nur um sich in einer Samstag -Nacht anzuturnen, der kann an einem bösen Ort enden, psychisch gesehen", sagte er. Doch zugleich verteidigte er das heilsame Potenzial der Halluzinogene und Entaktogene. Seit kurzem wird es auch von akademischen Forschern wiederentdeckt. Erste Studien beschäftigen sich auch damit, wie MDMA und LSD das Leiden von krebskranken Menschen im Endstadium lindert.