Akupunktur Zu viele Widersprüche

Die Schilderungen Soulié de Morants waren frei erfunden - und jeder hätte merken können, dass hier etwas nicht stimmt. Schon die biografischen Angaben des Franzosen strotzen von Widersprüchen und Lügen.

Eine Zeichnung aus der Ming-Dynastie, auf der die Akupunkturpunkte zu sehen sind.

(Foto: Takahiro Takano/Uni of Rochester)

So behauptet er, dass er fließend Chinesisch gesprochen und gelesen habe, als er 1901 in China angekommen war. Wie war das möglich? Ein 22-Jähriger beherrscht eine Sprache mit 3000 Schriftzeichen - ohne Sinologiestudium, ohne vorher unter Chinesen gelebt zu haben? Ohne Tonaufzeichnungen? Ohne Lehrbücher?

Zudem behauptet Soulié, er sei Vizekonsul und Richter gewesen. Der Mann war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, er hatte weder Studium noch Diplomatenschule absolviert und soll trotzdem als Vizekonsul Vorgesetzter altgedienter Attachés und Botschaftsräte gewesen sein? Danach gar Konsul?

Oder das Hospital der Missionare. Es gab in Peking kein französisches Hospital mit diesem Namen, nur ein St.-Vincent-Hospital. War es das? Er sagt es nie. Arbeiteten die chinesischen Ärzte heimlich? Oder im Auftrag? Und warum wussten die französischen Ärzte nicht, was die Chinesen machten? Warum schreibt Soulié 1932 von mehreren Ärzten später immer nur von einem Arzt? Merkwürdig.

Gab es schließlich 1901 in Peking wirklich die Cholera? Nein. Das zeigen Aufzeichnungen der "History of Chinese Medicine" von Wong und Wu: 1901 Pest in Hongkong und Fuzhou sowie Typhus in Jiangxi. Aber keine Cholera in Peking.

Chinesische Ärzte gaben ihre Kunst nicht an Fremde weiter

Auch sein Umgang mit der Seuche klingt unplausibel: Soulié beobachtet angeblich die Heilung von der Cholera. Gegen die war die Schulmedizin damals hilflos. Und doch kommt er nicht auf die Idee, die französischen Ärzte zu informieren, um andere Patienten zu retten?

Widersprüche auch zu angeblichen Lehrern. Von Chinas Ärzten weiß man, dass sie ihre Kunst nur Söhnen oder erprobten Schülern weitergaben. Da soll jemand einem Fremden seine Geheimnisse verraten? Zumal einem Ausländer? Und ihn dann Patienten in höchster Lebensgefahr behandeln lassen? Offen auch die Akupunktur-Punkte. Welche nadelte der Chinese? Welche Soulié? Warum nennt er nicht mal die genadelten Körperstellen?

Hier stimmte gar nichts. Schon der Name des Franzosen war eine Erfindung. Geboren wurde er am 2. Dezember 1878 als Georges Soulié. Später nennt er sich George Soulié de Morant - ein Adelsname. Angeblich, um sich vom Bruder Maurice abzusetzen - so als hatte sich Thomas Mann zur Abgrenzung vom Bruder Tomaso Mann von Hohenstein genannt. Offenbar litt Soulié an seinem niedrigen Status, er hatte nie eine Universität oder eine namhafte Schule besucht.

Nach Angaben seiner Tochter Evelyne (geboren 1914) aus dem Jahr 2007 war Soulié de Morant nie Konsul oder Vizekonsul in China. Erst als er aus dem auswärtigen Dienst ausschied, erhielt er ehrenhalber den Titel. Erstmals 1925 prangt auf seinen Büchern - nach wie vor über Chinas Geschichte, nie zur Medizin - der Hinweis "Consul de France".

Wie sieht es mit dem Richteramt aus? In einem seiner Bücher von 1925 berichtet er von seiner tatsächlichen Tätigkeit bei Gericht: erster Dolmetscher. Und war Soulié de Morant "in den Augen des chinesischen Gesetzes Akupunkteur"? Nein, ein solches Gesetz gab es nicht. Im Buch über den Arzt Soun Iat-Senn schreibt er 1932: "Chinas Gesetze räumen den medizinischen Diplomen kein Monopol ein."