Akupunktur Hauptsache, es sticht

Die chinesische Akupunktur hilft bei Kopfschmerzen zwar tatsächlich. Doch die klassischen Akupunkturpunkte spielen keine Rolle: Es ist egal, wohin gestochen wird.

Von Werner Bartens

Anhängern der Akupunktur muss es einen Stich versetzen. Jahrelang haben sie dafür gekämpft, dass ihre Behandlungsmethode im Westen anerkannt wird. Jetzt zeigen große Studien, dass die chinesische Nadel-Technik bei Spannungskopfschmerzen zwar tatsächlich hilft und zudem Migräne-Attacken vorbeugen kann.

Doch gleichzeitig belegen die Studien, dass nicht nur Stiche in einen der 361 klassischen Akupunkturpunkte auf den Meridianen helfen können - eine Scheinakupunktur hat offenbar ähnlich lindernde Wirkung. Es ist also egal, wohin gestochen wird.

"Im Vergleich zur medikamentösen Standardtherapie gegen heftigen Kopfschmerz ist die Akupunktur in Studien sogar überlegen, hat aber weniger Nebenwirkungen", sagt Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der Technischen Universität München.

Er hat beide Studien geleitet, die am heutigen Mittwoch in der Cochrane Database of Systematic Reviews erscheinen. Übersichtsarbeiten für die Cochrane-Datenbank gelten als besonders aussagekräftig, denn sie fassen den Forschungsstand seriös zusammen. Dazu werden nur die besten Fachartikel ausgewertet. Wissenschaftliches Mittelmaß, das zu Unrecht eine Therapie lobt oder verdammt, fällt hingegen unter den Tisch.

Um zu klären, ob Akupunktur gegen Spannungskopfschmerzen hilft, wurden elf Studien mit 2300 Teilnehmern ausgewertet. In die Analyse zur Migräne-Prophylaxe flossen sogar 22 Studien mit 4400 Probanden ein. In beiden Fällen wirkte Akupunktur besser als Schmerzmittel.

"Das liegt wohl auch daran, dass die Teilnehmer die Akupunktur erwartet haben und keine Medikamente", sagt Hans-Christoph Diener, Chef der Neurologie am Universitätsklinikum Essen. "Akupunktur ist eine sehr potente Placebo-Therapie."

Klaus Linde ist sich nicht so sicher, wie die Wirkung zu erklären ist. Neben Placebo-Effekten wie Zuwendung des Arztes, Ritualen der Behandlung und der Erwartungshaltung habe auch das Stechen einen Anteil, der aber noch weiter erforscht werden müsse. "Ich denke nicht, dass die Akupunktur wirkt, wenn ein Arzt nicht daran glaubt und die Therapie nicht überzeugend vermittelt", sagt Klaus Linde.

In den aktuellen Studien berichten immerhin 47 Prozent der Patienten mit Kopfschmerz, dass sich die Zahl der Tage mit Beschwerden halbiert habe - unter Patienten, die medikamentös behandelt wurden, waren es nur 16 Prozent.

Zudem wurde klassische mit Scheinakupunktur verglichen. Dazu werden Nadeln falsch gesetzt oder durchdringen nicht die Haut.

Kaum Unterschiede

Die Unterschiede zwischen beiden Techniken waren marginal: Bei 50 Prozent der Patienten waren die Schmerzen nach klassischer Nadelung deutlich gelindert. Nach Scheinbehandlung war dies bei 41 Prozent der Fall.

"Es gibt keine klassischen Akupunkturpunkte und auch keine Scheinakupunktur", sagt Iven Tao vom Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Essen. Er hat Sinologie und chinesische Medizin studiert und klassische Quellentexte der Akupunkteure seit der Han-Dynastie um Christi Geburt ausgewertet. "Diese Punkte sind nicht genau zu lokalisieren, es gibt vielmehr reaktive Areale."

Zwei Drittel der Bevölkerung stehen der Akupunktur aufgeschlossen gegenüber. Die wissenschaftliche Medizin verlangt jedoch Wirksamkeitsnachweise. Die gibt es für die Akupunktur nicht nur bei Kopfschmerzen, sondern auch bei Rücken- und Kniebeschwerden.

"Aus Patientensicht gibt es keinen Grund gegen die Akupunktur, wenn man offen dafür ist", sagt Klaus Linde. Hans-Christoph Diener kann nicht nachvollziehen, warum die Kassen Akupunktur bei Spannungskopfschmerz nicht mehr erstatten. "Für manche Menschen, bei denen Medikamente nicht ansprechen, ist das oft der letzte Ausweg."