Ein Kommentar von Nina von Hardenberg

Vielen erscheint das HI-Virus kaum noch als Bedrohung. Doch eine Infektion ist zwar kein Todesurteil mehr, bedeutet aber noch immer soziale Ausgrenzung.

Aids, wo ist dein Schrecken? Für viele Deutsche hat das HI-Virus viel von seiner Bedrohlichkeit verloren. Stuften vor fünfzehn Jahren noch etwa zwei Drittel der Befragten Aids als eine gefährliche Krankheit ein, so waren es im vergangenen Jahr nur noch etwa ein Drittel. Die Einschätzung ist durchaus rational. Die Deutschen wissen, wie sie sich vor dem Virus schützen können.

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Die Lebenserwartung von Aids-Patienten ist dank der Medikamente gestiegen. (© Foto: AP)

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Eine große Zahl der sexuell aktiven Menschen tut dies auch. 209 Millionen Kondome wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft - mehr als je zuvor. Zwar ist die Krankheit noch immer nicht heilbar, doch können HIV-Infizierte bei richtiger Behandlung heute 60 oder 70 Jahre alt werden.

Aids, könnte man meinen, wird für Deutschland schon bald nur mehr ein Problem im Rahmen seiner Entwicklungshilfe sein. Wer so argumentiert, übersieht jedoch ein gravierendes Problem: Die Menschen sterben zwar nicht mehr schnell an HIV. Für viele bedeutet die Diagnose aber den sozialen Tod.

In Mexiko demonstrierten zum Welt-Aids-Gipfel Tausende für mehr Rechte für Aidskranke. Sie kämpften nicht nur für den Zugang zu Therapien, sondern auch gegen Diskriminierung. In Lateinamerika ist die Ausgrenzung von Infizierten besonders stark.

Doch auch in Deutschland ist ein Leben mit HIV ein Leben mit Diskriminierung. Das gilt vor allem für den Arbeitsmarkt. Wie alle Menschen mit Einschränkungen haben HIV-Infizierte es schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden. Denn sie werden häufiger krank und bringen oft nicht die gleiche Leistung wie Gesunde. Hinzu kommt jedoch, dass die Krankheit noch immer mit Tabus behaftet und mit Ängsten besetzt ist. Vermittler bei den Agenturen für Arbeit stufen Aidskranke darum häufig als schwer vermittelbar ein.

Ein Leben ohne Arbeit bedeutet für einen HIV-Infizierte aber sehr häufig ein Leben in Armut - und damit noch mehr soziale Ausgrenzung. Die Infizierten stecken sich in der Regel schon in jungen Jahren an. Sie haben dann noch keine Karriere gemacht und keine Rücklagen fürs Alter gebildet. Das unterscheidet sie von anderen chronisch Kranken.

Überdurchschnittlich häufig sind HIV-Infizierte deshalb auf Sozialtransfers angewiesen. Ist es schon für gesunde Menschen schwierig, ein Leben mit Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung zu meistern, so ist es für einen Kranken kaum möglich. Sehr viele sind auf Unterstützung aus Stiftungen angewiesen.

Die deutsche Delegation beim Welt-Aids-Kongress kann zu Recht stolz auf die Präventionserfolge der vergangenen 20 Jahre sein. 33 HIV-Neudiagnosen pro eine Millionen Einwohner gab es in Deutschland 2006. Nur ein einziges westeuropäisches Land schaffte einen besseren Schnitt: Andorra.

Das Bewusstsein um die Gefahren der Ansteckung ist tief in der Gesellschaft verankert und entgegen den Warnungen vor einer neuen Sorglosigkeit zeigen neueste Zahlen, dass sich junge und sexuell aktive Menschen heute sogar noch mehr schützen als vor vier Jahren.

Eine Ausnahme gilt nur für homosexuelle Männer, bei denen die Zahl der Neuinfektionen zuletzt hochschnellte. So gut die Präventionsarbeit in Deutschland aber insgesamt ist, so sehr fehlt es an Aufklärung über das Leben mit der Krankheit.

Die Deutsche Aids-Stiftung hat in mehreren Großstädten Cafés eröffnet, in denen sich Infizierte treffen können und in denen sie Arbeit finden. Diese Rückzugsorte sind wichtig für die Kranken. Dort können sie Kraft schöpfen. Gleichzeitig ist es aber ein Armutszeugnis, dass sich HIV-Infizierte 27 Jahre nach Entdeckung der Krankheit in geschützte Räume zurückziehen müssen. Aidskranke müssen endlich wie andere chronisch Kranke behandelt werden, die Anteilnahme und Hilfe bei der Arbeitssuche verdienen. Es ist an der Zeit, dass nicht nur die Angst vor der Krankheit ihren irrationalen Zug verliert, sondern auch die Angst vor den Kranken abnimmt.

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(SZ vom 06.08.2008/mcs)