Von Sebastian Herrmann

Mehrjähriger Weizen oder Reis mit Superstoffwechsel: Biotechnologen versuchen, alte Gewächse neu zu erfinden.

Mehr aus weniger zu schaffen - dies ist, kurz zusammengefasst, die wichtigste Anforderung an die Pflanzen der Zukunft. Es klingt absurd, doch was in einigen Jahrzehnten auf den Äckern der Welt gedeihen soll, muss schlechteren Böden höhere Ernten abtrotzen, mehr Biomasse aus weniger Dünger produzieren und bessere Nährstoffe bei geringerem Wassereinsatz liefern - als würde ein Mensch strenge Diät halten und gleichzeitig Muskeln aufbauen.

Weizen, getty

Der jährliche Anbau von Weizen braucht viel Energie. (© Foto: getty)

Anzeige

Um das zu schaffen, reicht es nicht, ein oder zwei wünschenswerte Eigenschaften in eine Reis- oder Weizensorte zu züchten. Um weit in der Zukunft aus weniger mehr zu produzieren, versuchen Wissenschaftler in einer Reihe von Forschungsprojekten Kulturpflanzen quasi neu zu erfinden.

Am Land Institute in Salina, Kansas, ist Jerry Glover dabei, den Weizen umzukrempeln. Auf 85 Prozent der weltweiten Ackerflächen wachsen Pflanzen, die jährlich gemäht werden. Eine gigantische Verschwendung, findet der Agrarforscher. Jedes Jahr müssen Samen ausgebracht werden, die Pflanze treibt ihre Wurzeln immer wieder neu in den Boden. Das Ziel von Jerry Glover und seinem Team ist es, Weizen zu einer mehrjährigen Pflanze zu züchten.

Solch ein staudenartiger Weizen habe mehr Zeit, um ein weites und tiefes Wurzelgeflecht zu entwickeln, argumentiert Glover, und könne gleiche Erträge bei geringerem Düngemitteleinsatz liefern. Da Wurzeln mehrjähriger Pflanzen weit in den Grund dringen, erreichen sie tiefer liegende Stickstoffvorkommen. Pilze und Bodenbakterien könnten weiteren Stickstoff binden und zur Verfügung stellen - entsprechend ließe sich Mineralstoffdünger einsparen.

Experimente mit mehrjährigem Präriegras lassen Glover zu einer verwegenen Schätzung kommen: Eine Fläche mit mehrjährigem Weizen könnte womöglich den gleichen Ertrag wie heutiger Weizen bringen, aber nur acht Prozent der bisher eingesetzten Energie verbrauchen. Die Sache hat einen Haken: Das Fachmagazin Nature schätzt, dass so ein mehrjähriger Weizen frühestens in 30 Jahren zur Verfügung stehen könnte.

Falls es diese Wunderpflanze überhaupt jemals geben wird. Das gilt auch für ein weiteres Projekt mit dem Potential zum Wunder - der "C4-Reis", frühestens im Jahr 2030 verfügbar und derzeit die "größte Herausforderung der Biotechnologie", wie Rowan Sage sagt.

Der Biologe von der kanadischen Universität Toronto gehört einem internationalen Forscherteam an, das der Reispflanze den C4-Superstoffwechsel beibringen will. Die meisten Pflanzen verlieren etwa ein Drittel der bei der Photosynthese gewonnenen Energie wieder - ein gravierender Fehler dieses wichtigsten Antriebssystems der Natur. C4-Pflanzen, wie etwa Mais, Zuckerrohr, Sorghumhirse und eine Reihe von Gräsern, leisten sich diese Verschwendung nicht.

Solange es warm und hell genug ist, brauchen diese Pflanzen weniger Wasser und weniger Dünger, um zugleich höhere Erträge zu liefern. Daher fahnden Wissenschaftler weltweit im Erbgut von Reis und anderen Pflanzen nach Genen, die den klassischen Nahrungspflanzen der Menschheit den Superstoffwechsel bescheren könnten. Superschnell wird diese biologische Revolution jedoch nicht funktionieren.

Das Projekt einer Wissenschaftlergruppe um Rowan Sage hat zumindest zeitlich bessere Aussicht auf Erfolg. Mit fünf bis zehn Jahren kalkuliert der Biotechnologe vom Donald Danforth Plant Science Center in St. Louis, USA, bis der anvisierte "BioCassava Plus" für den Anbau reif ist.

Die Forscher haben es sich zum Ziel gemacht, die nährstoffarme Maniokwurzel in eine Art Gemüse-Plus-C umzubauen. Maniok spielt vor allem in Afrika eine wichtige Rolle. Die Pflanze ist genügsam und leicht anzubauen, enthält jedoch nur wenige Vitamine und Mineralstoffe und steckt im übrigen voller giftiger Blausäure, die aufwändig entfernt werden muss.

Das soll sich ändern. Die Arbeitsgruppen haben erste Zuchtziele bereits erreicht. Einige Pflanzen enthalten mehr erwünschte Stoffe, andere weniger Blausäure; wieder andere lassen sich länger lagern. Nun geht es darum, alle einzeln erreichten Fähigkeiten in einer Pflanze zu vereinen, damit auch Maniok künftig aus weniger mehr macht - doch auch das ist nur eines von vielen Biotech-Projekten mit ungewissem Ausgang.

Leser empfehlen 

(SZ vom 21.04.2009/beu)