Ebenso verhält es sich mit den Proportional-Lehren, die klassischerweise den Begriff des Schönen vom menschlichen Körper als Natur-Ideal ableiten. Holger Höge vom Institut für Psychologie der Universität Oldenburg ging in diesem Zusammenhang auf die berühmte Versuchsanordnung nach Fechner ein, der im 19. Jahrhundert das Schönheitserleben als alltägliches psychologisches Phänomen beschrieben hat, das sich im Experiment nachweisen ließe.
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Einigen Versuchspersonen wurden deshalb gleichgroße, aber unterschiedlich proportionierte Tafeln gezeigt. So zielstrebig wie unbewusst einigte sich die Gruppe unter dem Aspekt der Gefälligkeit mehrheitlich auf jene Tafel, die dem Goldenen Schnitt entsprach. Höge stellte dieses Experiment nach: Für die klassische Harmonielehre findet sich immer noch ein klares Votum. Aber auch - und darauf kommt es an: für das Quadrat als neuere formale Ausprägung. Selbst das angeblich natürliche Gefühl für Proportionen, die in der Natur zu finden sind, ist also eines nicht - natürlich.
Noch deutlicher wandte sich Peter Deuflhard vom Berliner Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik in der Beantwortung der Frage "Was ist ein schönes Gesicht?" gegen die Illusion gesetzmäßiger, gar planbarer oder chirurgisch herstellbarer Schönheit - also gegen die boomende "Science of Beauty". Fast genüsslich widerlegte er zwei der gängigen Schönheits-Hypothesen, wonach symmetrische oder eben völlig durchschnittliche Gesichter als "schön" gelten dürfen, indem er die methodischen Schwachstellen der zugrundeliegenden Experimente aufzeigt.
Am Computer konstruierte Schönheiten bleiben flach
Die rätselhafte Unansehnlichkeit der "digital Beauties" gibt ihm augenscheinlich recht. Zwar lassen sich im Computer nach bestimmten mathematischen Annahmen Schönheiten als Analogien zu einem verabredeten, präzise berechenbaren Schönheitsbegriff virtuell erzeugen: Aber über die Schönheiten, die eigentlich exakt mit dem Konsens "schön" übereinstimmen, ist in der Rezeption dennoch kein Konsens mehr zu bilden. Es ist, als ob den digitalen Beauties etwas Zwingendes fehlt, vielleicht so etwas wie Leben. Es bleibt dabei: Schönheit entsteht nicht im Rechner, sondern vor allem im Auge des individuellen Betrachters und in der Absprache einer kulturellen Gemeinschaft. Gerade deshalb aber lässt sich darüber streiten. Das ist ja das Schöne daran.
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(SZ vom 10.05.2008)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak