Abschuss des Fluges MH17 Viele Aids-Experten unter den Toten

Schwerer Verlust für die Aids-Forschung: Der niederländische Forscher Joep Lange starb beim Absturz der Maschine MH17.

(Foto: AFP)

Sie wollten zur Internationalen Aids-Konferenz nach Australien: Beim Flugzeugabsturz in der Ukraine sind zahlreiche Aids-Forscher und Aktivisten ums Leben gekommen, darunter der Niederländer Joep Lange. Unter den Opfern sind auch Fußballfans und Politiker.

Unter den 298 Passagieren der Unglücksmaschine MH17 befanden sich zahlreiche Teilnehmer der 20. Internationalen Aids-Konferenz in Melbourne, darunter Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der Sydney Morning Herald berichtete von mehr als 100 Passagieren, die an der Konferenz teilnehmen wollten.*

Von Sonntag an werden in Melbourne Wissenschaftler, Aids-Aktivisten und Gesundheitspolitiker erwartet, um über neue Wege und Erfolge im Kampf gegen HIV zu diskutieren. Nach anfänglichen Erwägungen, den fünftägigen Fachkongress nach der Tragödie komplett abzusagen, hat die Internationale Aids-Gesellschaft (IAS) im Verlauf des Freitags jedoch beschlossen, "unter Würdigung der Hingabe unserer Kollegen im Kampf gegen HIV und Aids die Konferenz wie geplant abzuhalten". Man werde im Tagungsverlauf aber immer wieder Gelegenheiten dafür schaffen, "sich der Kollegen zu erinnern, ihrer zu gedenken und ihren Verlust zu betrauern".

Zahlreiche Delegierte planten, von Amsterdam aus zur Konferenz zu reisen, darunter der niederländische Aids-Forscher Joep Lange von der Universität Amsterdam und seine Partnerin. Der Virologe war von 2002 bis 2004 Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft. Er forschte seit rund 30 Jahren zu Aids und HIV, arbeitete im Laufe seiner Karriere an über 300 wissenschaftlichen Studien mit. Unter anderem trug er damit wesentlich zur Entwicklung der ersten antiretroviralen Therapien gegen das HI-Virus bei. Lange gründete eine Stiftung, die Patienten in ärmeren Staaten leichteren Zugang zu Aids-Medikamenten verschaffen sollte. Die Aktivistin Martine de Schutter von der Organisation "Bridging the Gaps" befand sich nach ersten Informationen ebenfalls unter den Opfern des Flugzeugabsturzes.

Der Schock unter den Teilnehmern der Aids-Konferenz sitzt tief. Forscher, Aktivisten und Kampagnen-Mitglieder sind fassungslos. Auf sozialen Medien brachten sie ihr Entsetzen zum Ausdruck.

Die internationale Wissenschaftlergemeinde der Aids-Forscher kennt sich seit Jahren, trotz der mittlerweile auf 14.000 Gäste angewachsenen Teilnehmerzahl. "Die Stimmung auf dem Kongress wird ziemlich düster sein", sagte der australische Wissenschaftler Clive Aspin, der bereits zu einer Vorkonferenz in Melbourne eingetroffen war und auf seine Kollegen wartete, dem Sydney Morning Herald. "Besonders für jene von uns, die seit Jahren diese Tagung besuchen."

Auch die Weltgesundheitsorganisation trauert um Glenn Thomas, einen ihrer Sprecher. Die sozialdemokratische Partei in den Niederlanden teilte mit, dass Willem Witteveen, ein Abgeordneter der ersten Kammer des Parlaments, in der Maschine gesessen habe. Auch seine Frau und Tochter seien ums Leben gekommen. Insgesamt sollen 80 Kinder bei dem Absturz ums Leben gekommen sein.

Aus England meldete sich der Fußballverein Newcastle United zu Wort. Zwei seiner Fans, John Alder und Liam Sweeney, seien auf dem Weg nach Neuseeland gewesen, als sie mit dem Flugzeug abstürzten. "Ich und alle Spieler sind tief geschockt und betrübt von dieser furchtbaren Nachricht", sagte Trainer Alan Pardew. Die beiden Männer hätten ihr Team bei Vorbereitungsspielen in Neuseeland unterstützen wollen.

In vielen sozialen Netzwerken machte zudem ein Foto des Facebook-Nutzers "Cor Pan" die Runde. Er hatte offenbar die Unglücksmaschine vor dem Abflug fotografiert. In Anspielung auf die seit Monaten verschollene Malaysia-Airlines-Maschine mit der Flugnummer MH370 scherzte er noch, dass der Flieger so aussehe - falls er wieder verschwinde. "Cor Pan" zählte mutmaßlich zu den Menschen, die später in dem Flugzeug ihr Leben verloren.

Mehrere Medien berichteten zudem über den doppelten Schicksalsschlag der Familie um die Australierin Kaylene Mann. Bei dem Absturz in der Ostukraine verlor sie ihre Stieftochter Marie und deren Ehemann Albert - nachdem schon ihr Bruder Rod und dessen Frau Mary Passagiere des im März verschollenen Flugs MH370 von Malaysia Airlines gewesen waren. Marie und Albert hätten noch versucht, den Flug umzubuchen - leider vergeblich, zitierte der australische TV-Sender ABC einen Freund des Paares.

* Anmerkung der Redaktion: Am Samstagmorgen bestätigte die Präsidentin der Internationalen Aids-Gesellschaft, Françoise Barré-Sinoussi, den Tod von sechs Delegierten. "Vielleicht waren es einige mehr, aber sicher nicht so viele, wie berichtet worden ist", sagte sie.