"Eigentlich ist der Damm dafür zu lang", sagt Kwang Soo Lee, der Forschungschef der zuständigen Abteilung. Das Kraftwerk würde sich an dieser Stelle nie rechnen, wäre der Damm nicht schon da gewesen. Für ein Gezeitenkraftwerk in der Carolim-Bucht weiter südlich sind die Studien auch schon abgeschlossen.
Dort soll bei Flut und bei Ebbe Strom hergestellt werden, die Genehmigungsverfahren laufen derzeit. Gegen das Vorhaben wehren sich vor allem Fischer, denn wenn die Gezeiten zur Energiegewinnung aufgestaut werden, reduziert sich die Wattfläche - und das verkleinert den Lebensraum von Muscheln und Seevögeln.
In einer Nachhaltigkeitsstudie haben Kwang Soo Lee und sein Team indes ein Reglement erarbeitet, nach dem man mit einem um nur 15 Prozent verringerten Kraftwerksbetrieb 85Prozent der Wattflächen erhalten kann. Der Stromverlust betrüge dabei nur etwa 2,5 Prozent.
Er frage sich oft, sagt Forschungschef Lee und zündet sich eine Zigarette der Marke mit dem klangvollen Namen "Cloud Number Nine" an, was heißt "nachhaltig"? "Mit welchem Zeithorizont soll man rechnen? 30 Jahre?" Gemessen am CO2-bedingten Klimawandel ist die Gezeitenkraft aber allemal nachhaltig, auch die Ölpest Anfang Dezember, die Teile der Carolim-Bucht verseucht hatte, wäre vom Damm eines Gezeitenkraftwerks abgewehrt worden. Man hätte einfach die Schleusen geschlossen.
In Lees Büro hängt ein Satellitenbild der Westküste Koreas; er zeigt darauf einige lange, an ihrer Öffnung enge Buchten, die sich für Gezeitenkraft-Gewinnung eignen würden. Besonders viele sind es aber nicht, und in einer der besten Lagen hat man inzwischen ein Frachtterminal gebaut. Südkorea könnte etwa fünf Prozent seines Strombedarfs mit Gezeitenkraft decken.
Nur wenige Küsten bieten sich an
Die Küsten, die sich dafür anbieten, sind auch weltweit nicht sehr zahlreich. Der mittlere Tidenhub für ein Kraftwerk sollte fünf Meter oder mehr betragen, damit man mit heutigen Turbinen profitabel Strom produzieren kann: der Ärmelkanal, die Atlantikküste Kanadas, die chinesische Seite des Gelben Meeres, einige Küsten Indiens und Russlands bieten sich dafür an. Gebaut worden sind bisher nur drei Gezeitenkraftwerke, das älteste und größte ist La Rance in der Bretagne, in China sind mehrere im Bau.
Von Koreas Ostküste hat Lee keine Satellitenkarte an der Wand hängen, dort ist der Tidenhub für die bisherige Technik zu gering, das Wasser fließt zu langsam. Das gegenteilige Problem stellt sich Lee und seinem jungen Ingenieur Sang Hun Han bei einem anderen Projekt: Ganz im Südwesten Koreas, im Kanal von Uldolmok, einer engen Wasserstraße zwischen der Insel Jindo und dem Festland, strömt das Wasser bei Flut mit hoher Geschwindigkeit ein und bei Ebbe mit ebenso hohem Tempo wieder aus.
Hier wird bald ein Strömungs-Gezeitenkraftwerk des Kordi gebaut. Das sind kleine Turbinenhäuser, die auf Fachwerkstelzen im Wasser stehen. Die Strömung wird Turbinen mit Helix-förmigen Schaufeln antreiben; einen Damm braucht es für diese Art der Energiegewinnung nicht, sie schont die Umwelt noch besser. Sollte es künftig gelingen, Turbinen zu entwickeln, die auch geringe Wassergeschwindigkeiten lohnend in Elektrizität umwandeln, dann hätte diese Energiegewinnung ein großes Potential.
Das Kordi-Meeresforschungsinstitut setzt nicht nur auf Gezeitenkraftwerke, um umweltfreundliche Energie aus dem Meer zu gewinnen. Man sucht nach neuen Wegen.
So betreibt das Kordi auf auch Chuuk, einer Insel in Mikronesien, eine Forschungsstation. Man will die Temperaturunterschiede der Wasserschichten ausnützen, im Prinzip so, wie Erdwärmepumpen die Temperaturunterschiede verschiedener Schichten des Bodens nutzen. "Zum Beispiel, um damit Wasserstoff zu produzieren", sagt Kordi-Forscher Kwang Soo Lee, und den könnte man als saubere Energie verschiffen. "Aber das sind erst Studien." Trotzdem klingt er so, als sei das Sihwa-Gezeitenkraftwerk nur ein Anfang.
(SZ vom 08.01.2008/mcs)
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