Aus den Larven werden schließlich dicke Fliegen Foto: privat

Tom Sutton ist ein stiller Mann. Auch er ist den Fruchtfliegen schon lange auf der Spur. Als er in den Achtzigern in Kalifornien seine Frau kennengelernt hat, jagte er die Biester schon. Er weiß das deswegen so genau, weil er lange überlegt hat damals, was er den zukünftigen Schwiegereltern sagen soll. Ich fange Fliegen. Das klang nicht wie etwas, was Schwiegereltern gerne hören. Besser wurde es erst, als das erste Mal eine Fruchtfliegenplage über Kalifornien kam, da schien es plötzlich nützlich zu sein, einen Fliegenfänger in der Familie zu haben.

Tom Sutton weiß, je mehr Larven er durchlässt, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine überlebt. Also lässt er keine durch. Zumindest ist das sein Ziel. Und es sei doch auch im Sinne der spanischen Bauern, dass die verseuchte Ladung schon hier im Land abgelehnt werde und nicht erst an den Einfuhrhäfen in Amerika. Er jedenfalls begrüßt es, dass die Spanier die Fabrik gebaut haben, um die Fruchtfliegenplage einzudämmen. Er ist sogar zur Eröffnung nach Caudete de las Fuentes gegangen. Dann sagt er, dass die Japaner mit Einfuhren übrigens sehr viel strenger seien als die Amerikaner.

Es gibt also viele Gründe, warum jetzt in Caudete de las Fuentes eine Fabrik steht. Und es gibt auch noch viele Probleme, die gelöst werden müssen. Was, wenn die Klimaanlage ausfällt? Wenn Pilze oder Bakterien sich einnisten? Kann man die Reste der Produktion an Ziegen verfüttern? Ist für die Larven Zucker mit oder ohne Proteine besser? Carlos Caceres sagt: "Wir tricksen hier die Natur aus." Doch die Natur trickst auch. Wilde Fliegen bevorzugen wilde Fliegen, selbst wenn man sie mit Fabrikfliegen überschwemmt. Die Weibchen sind wählerisch. Was hilft es, Millionen von sterilen Männchen auszusetzen, wenn sich die Weibchen doch nur von nicht sterilen Männchen befruchten lassen. Die Kopulation bis zum Aussterben funktioniert nur mit sterilen Männchen, die auch was hermachen.

Doch noch haben die falschen Männchen Macken. Ein Wunder ist das nicht. Sie werden von Fabrikfliegen in Käfigen gezeugt, in dunklen Hallen aufgestapelt, bei optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufgepeppelt, mit phosphoreszierendem Puder vermischt, damit man sie in der Natur unterscheiden kann. Sie werden mit einer radioaktiven Keule sterilisiert, heruntergekühlt und wieder aufgewärmt, werden Hunderte Kilometer herumgefahren, von der Fabrik zur Sterilisation, von der Sterilisation zur Ausschlupfstation, von der Ausschlupfstation zum Flughafen. Und schließlich werden sie aus einem Flugzeug herausgeschmissen, in der Hoffnung, dass sie sich früh genug aufwärmen, um sanft zu landen. Wer würde da nicht schwächeln.

In den Laboren der Internationalen Atomenergieagentur in Seibersdorf arbeiten sie seit Jahren an der perfekten Fliege. Sie haben dort schon Superstars produziert wie die "Vienna 8". Steril, agil und enorm erfolgreich, in der Produktion sind die Männchen von den Weibchen, die man in der freien Natur nicht brauchen kann, einfach zu trennen. Vienna 8 ist ein Exportschlager, weltweit ausgesetzt zur Reduzierung der eigenen Art. Aber sie mussten erst sehen, ob diese Fliege auch in Spanien funktioniert. Es wurden Millionen von sterilen Männchen eingeflogen und ausgesetzt.

Hinein in den Schlund

Es wurden 50 Fallen pro Hektar aufgestellt, um zu zählen, wo sie waren, wen sie begatteten. Es wurden Qualitätstests gemacht, ihre Paarungsfähigkeit wurde überprüft, ihre Stressresistenz gecheckt, indem man ihnen kein Futter mehr gab und schaute, wie lange sie überlebten. "Zwei Tage ist gut, drei sind magisch", sagt Vicente Tejedo, der in Caudete de las Fuentes zuständig ist für das, was sie hier die Mutterkolonie nennen. Das Herz der Fabrik. Wenn es der Mutterkolonie gut geht, geht es allen gut.

Vicente Tejedo ist Agraringenieur im Landwirtschaftsministerium in Valencia, er ist der Herr über die Fliegen von Caudete de las Fuentes. Er steht in der "Sala Grande", greift eine männliche Puppe heraus, knackt ihren Panzer auf, schaut dem blassen Würmchen in die kaffeebraunen Augen und sagt: "Die sind bereit." Dann wird die Tagesration eingepackt bei 16 Grad Celsius. Reisetemperatur. Irgendwann einmal sollen es 71 Millionen Puppen täglich sein, die Fuhre an diesem Tag ist noch etwas kleiner. Zwei Stunden dauert die Fahrt in die Stadt Tarancón kurz vor Madrid. Auch hier, bei der Firma "Ion+Med", haben sie etwas gestaunt, als sie hörten, was da kommen wird zur Strahlen-Sterilisation. Fliegen?

Normalerweise werden hier medizinische Geräte, Prothesen, Spritzen, Handschuhe, Gewürze für den amerikanischen Markt mit Elektronen bestrahlt. Alles, was steril sein muss, aber hitzeempfindlich ist. Kunststoffe werden veredelt. Und jetzt Fliegen sterilisiert. Eine junge Mitarbeiterin legt die Kiste mit den Puppen auf das Laufband. Die Maschine wird angehalten. 85 Gy, die Strahlendosis für die Larven ist so niedrig, dass erst noch ein Filter eingeschoben werden muss.

"Lebendiges kommt hier selten durch. Und wir wollen sie ja nicht töten, nur sterilisieren", sagt die junge Frau. Als die Maschine wieder anläuft, dreht sie sich weg. "Die armen Dinger, sie wissen gar nicht, dass sie danach keine Männer mehr sind." Die Arbeiter grinsen. Dann rollt Kiste TA001 hinein in den Schlund, Linkskurve, Rechtskurve. Und hinter fünf Meter dicken Betonwänden werden Beta-Strahlen auf sie gebeamt. Millionen steriler Sexmaschinchen im Dienst der Wissenschaft.

(SZ vom 5.5.2007)

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