Von Michael Bauchmüller, Nusa Dua

Chaos, Tränen und ein Nervenzusammenbruch. Höhepunkte der emotionalsten, dramatischsten Klimakonferenz, die die Welt bisher gesehen hat. Im letzten Moment wenden die USA ein Scheitern ab - weil sie keiner mehr unterstützt.

Paula Dobriansky, die Chef-Unterhändlerin der Vereinigten Staaten während der hitzigen Debatte. Foto: dpaBild vergrößern

Paula Dobriansky, die Chef-Unterhändlerin der Vereinigten Staaten während der hitzigen Debatte. Foto: dpa

Der Knoten platzt am Samstag um 14.13 Uhr. Längst ist die Klimakonferenz in die Verlängerung gegangen. Die Schlussverhandlungen, in der Nacht nur für vier Stunden unterbrochen, dauern nun schon fast dreißig Stunden an.

Da ergreift Paula Dobriansky, die Chef-Unterhändlerin der Vereinigten Staaten, noch einmal das Wort. "Wir haben sehr gut zugehört“, sagt sie. "Wir haben uns die Einwände gegen unsere Position zu Herzen genommen.“ Der Plenarsaal verstummt.

"Wir wollen vorwärts gehen als Teil eines neuen Rahmenwerks.“ Erst langsam begreifen die Delegierten, dass das mächtigste Land der Welt da gerade eine 180-Grad-Wendung vollzieht. Dann braust Jubel auf. Es ist der Höhepunkt der emotionalsten, dramatischsten Klimakonferenz, die die Welt bisher gesehen hat.

Tränen beim UN-Klimasekretär

Die Nerven liegen bei vielen schon zu Beginn der Plenarsitzung blank. UN-Klimasekretär Yvo de Boer bricht auf offener Bühne in Tränen aus, weil die chinesische Delegation ihm schlechte Verhandlungsführung vorwirft – obwohl doch der sichtlich überforderte indonesische Umweltminister Rachmat Witolear die Konferenz leitet.

Nacheinander treten Indonesiens Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon an die Mikrofone, jeweils mit einem dramatischen Appell an die Staatengemeinschaft.

"Das Schlimmste, was der Menschheit und unserem Planeten passieren kann“, ruft Yudhoyono den Delegierten zu, "ist, dass unsere Anstrengungen zerbröckeln, nur weil wir über Worte streiten.“ Applaus im Stehen. Ban Ki Moon legt nach. "Ihre Arbeit hier ist noch nicht getan“, sagt er. "Riskieren Sie nicht das, was wir bis hierhin erreicht haben.“

Der Streit hatte sich seit Tagen aufgeschaukelt. Zunächst schien es, als stritten nur die Industrieländer untereinander. Die EU wollte schon in der "Bali Roadmap“, der Grundlage für die künftigen Klimaverhandlungen, fixe Ziele vereinbart sehen – am besten gleich die Empfehlungen des Weltklimarates IPCC.

Im Frühjahr hatte er prognostiziert, nur eine Senkung der globalen Treibhausgas-emissionen um 25 bis 40 Prozent könne halbwegs sicherstellen, dass die Erde sich langfristig nicht um mehr als zwei Grad aufheizt. Das aber ging den USA zu weit: "Wir werden nichts unterschreiben, was wir nicht schaffen können“, hatte Dobriansky erklärt.

Kleine Ministergruppen wurden gebildet, mitunter recht hilflos versuchten zwei indonesische Minister, die Gräben zu überbrücken. Und während sie stritten und feilschten, nach Texten suchten, die zwar keine Zahlen, aber deutliche Hinweise enthalten, gärte es bei den Entwicklungsländern.

Das alte Thema der Gerechtigkeit erwachte. Denn nicht nur die Industrieländer, auch große Schwellenländer sollten mit der "Bali-Roadmap“ zur Eindämmung ihrer Kohlendioxid-Emissionen gebracht werden. Im Gegenzug sahen die Entwürfe Hilfen durch den reichen Norden vor – bei der Anpassung an den Klimawandel, aber auch bei der Einführung neuer Technologien.

Doch während die CO²-Minderung messbar und einigermaßen verbindlich sein sollte, blieb die technische Hilfe unverbindlich – fand zumindest die Entwicklungsländergruppe der G77, der auch China und andere große Schwellenländer angehören. "Wir werden unter Druck gesetzt, Ziele anzunehmen, die wir als unfair betrachten“, sagte G-77-Sprecher Munir Akram am Freitagabend. Vor allem die USA drängten.


Das Drama nimmt seinen Lauf

In den letzten Stunden nimmt das Drama seinen Lauf. Noch in der Nacht zum Samstag finden die Staaten eine Kompromisslösung, die aber von den G77 am nächsten Morgen wieder aufgeschnürt wird.

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