Von Edward W. Lempinen

4000 Jahre lang haben sie den Naturgewalten getrotzt - jetzt kapitulieren die Bewohner von Shishmaref in Alaska vor der Klimaveränderung.

In Shishmaref sind die Folgen des Klimawandels bereits allgegenwärtig: Das Meer nagt an den Küsten und untergräbt die Dünen, auf denen die Häuser einst sicher standen. Weil das jährliche Packeis schwindet und der Permafrostboden taut, ändern sich auch die Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen. Foto: Lempinen

Während ein Großteil der Welt seit Jahren über die globale Erwärmung debattiert, erleben die Einwohner des Inseldorfs Shishmaref in Alaska den Klimawandel unmittelbar. Dessen Auswirkungen dringen buchstäblich in jeden Bereich des Alltags vor. Das Meer hat die Sandhänge unter den Häusern erodieren lassen. Das winterliche Packeis auf der Tschuktschensee ist aufgeweicht, was jede Reise zu einer Gefahr macht. Jagen und Fischen sind kaum mehr möglich, die Nahrung ist knapp geworden.

Die Bedrohung durch den Klimawandel ist so akut, dass die Einwohner von Shishmaref sich nun gezwungen sehen, ihr gesamtes Dorf umzuziehen - auf stabileren Grund auf dem Festland von Alaska. Doch auch für den Fall, dass ihnen die Finanzierung des 180-Millionen-Dollar-Umzugs gelingt, fürchten die 600 Dorfbewohner, dass ihr Leben nie mehr so sein wird wie früher. „Es ist ein einzigartiger Ort zum Leben“, sagt Bürgermeister Stanley Tocktoo, „wir würden eigentlich gern unsere Tradition bewahren, unsere Bräuche.“

Der Klimawandel hat längst einen großen Teil der Arktis getroffen. Ein Bericht der amerikanischen Regierung aus dem Jahr 2003 kam zu dem Schluss, dass drei weitere Ortschaften im Nordwesten Alaskas - Kivalina, Koyukuk und Newtok - in unmittelbarer Gefahr sind, überschwemmt zu werden oder zu erodieren. Das sei zweifelsfrei in Teilen auf das sich verändernde Klima zurückzuführen. So wie in Shishmaref gibt es auch in den anderen Ortschaften Umzugspläne.

Auch Tausende Meilen entfernt, auf der Inselgruppe Svalbard im norwegischen Polarmeer, sind die Temperaturen in den vergangenen 30 Jahren nach oben geschnellt. In Sibirien entweichen bereits Unmassen Methangas aus dem aufweichenden Permafrost der Tundra, ein Gas, das den Treibhauseffekt seinerseits verstärkt. An Grönlands Küsten entdecken Wissenschaftler, dass die Gletscher im Rekordtempo abschmelzen.

„Zu den charakteristischen Merkmalen des Klimawandels gehört, dass sich die Erwärmung im hohen Norden deutlich schneller vollzieht“, sagt der Umweltspezialist John Holdren von der Universität Harvard, der zurzeit auch als Präsident der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften AAAS fungiert. „Die arktischen Regionen sind wie der Kanarienvogel der Bergleute - ein Frühwarnsystem für den Rest der Welt.“

Alaska ist womöglich der Ort, an dem die globale Erwärmung sichtbarer wird als anderswo, erklärte die Nasa im vergangenen Jahr. Das Klimaforschungszentrum im alaskischen Fairbanks berichtet, dass die Durchschnittstemperaturen in dem Bundesstaat während der vergangenen 50 Jahre um zwei Grad Celsius gestiegen sind, im Winter seien es sogar 3,5 Grad gewesen. Rechenmodelle sagen einen weiteren Anstieg voraus.

Labor für Wissenschaftler

Die Auswirkungen auf das Ökosystem und die Zivilisation haben den Bundesstaat Alaska zu einem Labor für Wissenschaftler und einem Reiseziel für Politiker gemacht. Zu ihnen gehört Hillary Clinton, die demokratische Senatorin von New York, sowie der Republikaner John McCain aus Arizona - beide sind mögliche Kandidaten für die Präsidentenwahl 2008.

Die meisten Besucher kommen nach Shishmaref mit einem kleinen Flugzeug aus der Stadt Nome, die wellige, von Teichen durchlöcherte Tundra der Seward-Halbinsel und das beeindruckende Kigluaik-Gebirge überquerend. An diesem Samstag im Herbst müht sich das Flugzeug durch dichte Regenwolken, doch beim Landeanflug aus 300 Metern Höhe wird plötzlich die prekäre Lage von Shishmaref klar.

Der Ort sitzt auf einer fünf Kilometer langen und nur 500 Meter breiten Sandbank vor dem Festland, die das ansässige Volk der Inupiaq Kigiktaq nennt. Der nördliche Polarkreis ist nur 30 Kilometer entfernt, Sibirien liegt lediglich 160 Kilometer weiter westlich. Im Umkreis von Hunderten Kilometern gibt es nichts als Wildnis; die Tschuktschensee bildet die nordwestliche Grenze, und das karge Festland liegt hinter einer tiefen, acht Kilometer breiten Lagune. Von Oktober bis Mitte Juni ist die gesamte Region unter weißem Frost gefangen.

Die Vorfahren der heutigen Dorfbewohner hatten seit 4000 Jahren hier ihre Behausungen, lebten - angepasst an den Wechsel der Jahreszeiten - von Meerestieren, Vögeln und Pflanzen, die die rauhe Umwelt hergab. Heute sind Schneefahrzeuge so üblich wie Hundeschlitten, manche der Dorfbewohner verdienen Geld als Künstler, aber generell dominiert noch die traditionelle Lebensweise. Es gibt elektrischen Strom, aber keine Wasserleitungen. Armut ist allgegenwärtig.

Die Verletzlichkeit des Ortes ist geradezu greifbar. Alles ist auf Sand gebaut. Am Westrand ist ein Haus auf den Strand gestürzt. Der gesamte Ort ist Winden und Stürmen schutzlos ausgeliefert. Tony Weyiouanna, der für die Umzugspläne der Gemeinde zuständig ist, sitzt in seinem zerbeulten Pick-up und erzählt vom Wetter.

Als er vor 30 Jahren ein Junge war, waren die Sommer kurz und kühl, und der Winter griff im Oktober hart zu. Das Thermometer sank oft auf minus 35 Grad. Das sei jetzt selten, und das Meer beginne erst im November zuzufrieren. Der Permafrost als eisiger Klebstoff, den Sand zusammenhaltend, beginnt zu tauen.

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