Von Alexander Stirn

Seit zehn Jahren wird an der Internationalen Raumstation gebaut: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des 100-Milliarden-Euro-Projekts sind kümmerlich.

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Sagenhafte 100 Milliarden Euro hat die Station bislang gekostet. Foto: Nasa

Projekte, die bereits vor dem Start in den Himmel gelobt werden, haben es naturgemäß schwer. Insofern konnte die Ausgangsposition der Internationalen Raumstation ISS kaum schlechter sein.

Als "Weltwunder für das neue Jahrtausend" wurde sie Mitte der 1990er Jahre gepriesen, als "größtes Bauvorhaben seit den Pyramiden", gar als "Forschungsstadt im Weltraum".

Und als dann am 20.November 1998, mit dem russischen Modul Sarja das erste Bauteil in die Umlaufbahn geschossen wurde, schwärmten prominente Menschen in aller Welt von einem historischen Tag.

Die Grenzen des Wissens sollte die neue Raumstation sprengen. Zehn Jahre später hat sie viel von ihrem Glanz verloren. Noch immer ist das kosmische Konglomerat von Wohncontainern eine Baustelle. Sagenhafte 100 Milliarden Euro hat die Station bislang gekostet. Für die Amerikaner, einst treibende Kraft hinter dem Vorhaben, ist sie ein ungeliebtes Kind geworden. Und die wissenschaftlichen Durchbrüche, mit denen das Projekt einst Politikern schmackhaft gemacht wurde, sind ausgeblieben.

Woher sollten die auch kommen, wo kaum Zeit für Forschung bleibt? Als die ersten Pläne der ISS vorgestellt wurden, sollten Astronauten 27 Stunden ihrer wöchentlichen Arbeitszeit wissenschaftlichen Experimenten widmen.

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Der US-Astronaut Rick Linnehan bei einem Außeneinsatz an der ISS. Foto: Nasa

Tatsächlich waren es zuletzt nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters, gerade einmal 2,5 Wochenstunden. Die Wartung der Lebenserhaltungssysteme verschlingt zehnmal so viel Zeit wie bei der Planung veranschlagt - ursprünglich waren dafür nur mehrere Stunden vorgesehen.

Neben falschen Vorstellungen und kaum beherrschbarer Technik werden die Astronauten nun vor allem durch den stockenden Baufortschritt gebremst. Eigentlich sollte die Station längst fertig sein, aber nach dem Absturz der US-Raumfähre Columbia vor fünf Jahren ist der bis dahin bereits verzögerte Zeitplan komplett durcheinander geraten.

Frühestens im August 2009 kann nun ein weiteres Wohnmodul an den außerirdischen Vorposten der Menschheit geschraubt werden. Sechs Astronauten sollen dann auf Dauer in der Raumstation leben und arbeiten, was eigentlich schon seit mehreren Jahren der Fall sein sollte. Derzeit sind drei Menschen an Bord, und die sind mit den täglichen Routineaufgaben gut ausgelastet.

Weil die Weltraumbewohner kaum Zeit für Experimente haben, wurden die Versuche an Bord der ISS weitestgehend automatisiert - was indirekt beweist, dass es für diese Forschung eigentlich keine Astronauten bräuchte. Experimente werden heute in Standard-Behältern ins All geliefert.

Als Laborant muss der Astronaut muss nur noch Knöpfe drücken und sich wieder anderen Aufgaben zuwenden. Fast alle Versuche können von der Erde überwacht, manche sogar gesteuert werden. Den viel beschriebenen Wissenschaftsastronauten, der in der Schwerelosigkeit Kristalle züchtet und mit Pipetten hantiert, gibt es nicht.

Es braucht ihn auch nicht. Jeder halbwegs intelligente Roboter könnte - so lange keine unüberwindbaren Probleme auftauchen - dessen Aufgaben übernehmen.

"Mit Ausnahme von Experimenten am Menschen selbst, lassen sich im Forschungsbereich fast alle Versuche besser, präziser und kostengünstiger durch unbemannte Missionen durchführen", kritisierte die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) bereits vor dem Start der Raumstation.

"Das ist noch immer aktuell", sagt DPG-Sprecher Marcus Neitzert, "nach wie vor stehen wir der bemannten Raumfahrt sehr verhalten gegenüber." Wenn man die Kosten betrachte, sei der wissenschaftliche und technologische Nutzen einer Raumstation sehr beschränkt.

Die Amerikaner interessiert nur noch der Mond

Während das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf der ISS noch "innovative Materialforschung" betreiben und die "Horizonte in der Physik" erweitern möchte, hat sich die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa von diesen Zielen weitgehend verabschiedet.

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Der Aufbau der ISS (bisher und geplant) Grafik: Nasa/sueddeutsche.de

Das vom amtierenden US-Präsidenten Bush iniziierte Mondprogramm riss in den vergangenen Jahren immer größere Finanzlücken, so dass die Nasa ihr ISS-Forschungsbudget um weit mehr als die Hälfte auf 200 Millionen Dollar zusammenstreichen musste. Eine Reihe ambitionierter Projekte, darunter eine Zentrifuge für Experimente in künstlicher Schwerkraft, wurden gestoppt.

Europa hat bislang etwa fünf Milliarden Euro in das technologische Meisterwerk ISS investiert, vier weitere werden folgen. Die Raumfahrtindustrie freut sich, andere Branchen zeigen kaum Interesse. Ein einziges Experiment im Auftrag der deutschen Industrie ist bislang auf der Raumstation geflogen, ursprünglich waren 30 Prozent der ISS-Nutzung für kommerzielle Aktivitäten reserviert.

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