Von Marcus Anhäuser

Medizinische Propaganda und Realität klaffen mitunter weit auseinander. Wer Aufmerksamkeit erregen will, greift offenbar gerne zu besonders hohen Schätzungen. Aber viele Zahlen über die Leiden der Deutschen sind falsch.

Quälende Schmerzen: Acht Millionen Deutsche sollen Migräne haben. (Foto: ddp)

Acht Millionen Deutsche sollen Diabetes haben, acht Millionen Migräne, fünf Millionen Arthrose, sieben Millionen Osteoporose, vier Millionen Asthma, vier Millionen Bluthochdruck und zehn Millionen sollen ihren Harn nicht halten können.

Eine Epidemie der Volkskrankheiten jagt durch die Medien. Wer wissen will, wie viele Menschen an welcher Krankheit leiden, gerät bei der Suche in Informationsbroschüren, Zeitschriften und im Internet rasch ins Staunen.

"Man wundert sich, dass es in Deutschland überhaupt noch gesunde Menschen gibt", sagt Stefan Wilm, Epidemiologe am Klinikum der Universität Düsseldorf.

Die Bundesrepublik hat nicht einmal genug Einwohner, um all jene Menschen zu beherbergen, die angeblich an einer der über 30.000 bekannten Krankheiten leiden. Der Grund: "Es gibt kaum eine Krankheit, deren Häufigkeit wirklich gut untersucht ist", sagt Stefan Wilm.

Dennoch tun viele Ärzte so, als wüssten sie genau, wie viele Deutsche unter Karies, Nierensteinen oder Alzheimer leiden. Und wer Aufmerksamkeit will, greift gerne zu besonders hohen Schätzungen.

Haarsträubende Rechnung

Wie weit medizinische Propaganda und Realität mitunter auseinanderklaffen, offenbart eine Untersuchung von Stefan Wilm und seinem Kollegen Josta Meidl.

Die beiden Epidemiologen haben nach Kranken mit Offenem Bein geforscht. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) –der Vertretung der Kassenärzte gegenüber den Krankenkassen– leiden in Deutschland 1,2 Millionen Menschen an einem solchen Unterschenkelgeschwür, das meist durch eine Durchblutungsstörung hervorgerufen wird.

Statt auf ein solches gigantisches Heer an Kranken kamen Wilm und Meidl in ihrer Untersuchung jedoch nur auf einen recht überschaubaren Trupp: Sie haben die Daten von 40 Allgemeinarztpraxen mit 54000 Patienten ausgewertet.

Nur 64 Meldungen

Eineinhalb Jahre lang sollten die Ärzte jedes Unterschenkelgeschwür melden, das sie in dieser Zeit versorgt haben: Gerade mal 64 Meldungen gingen bei den Düsseldorfer Forschern ein.

Das Fazit: "Statt der beschworenen 1,2 Millionen Betroffenen haben nach unseren Hochrechnungen bundesweit nur 50.000 Menschen ein Offenes Bein", sagt Stefan Wilm.

Die beiden Epidemiologen fanden auch Bestätigung von anderer Seite: Die so genannte Bonner Venenstudie, die in Fachkreisen anerkannt ist, hatte nämlich bereits in den Jahren 2000 bis 2002 gezeigt, dass etwa 0,1 Prozent der Deutschen an einem Offenen Bein leiden. Bei einer Einwohnerzahl von rund 80 Millionen sind das also 80.000 Betroffene.

Auf Anfrage der SZ offenbart die KBV, wie sie auf ihre Zahl von 1,2 Millionen Menschen mit Offenem Bein kommt. Die Rechnung ist haarsträubend.

Zwar hat die KBV die Bonner Venenstudie zu Grunde gelegt, doch nach ihrer Mathematik entsprechen 0,1 Prozent der Bevölkerung 800.000 statt 80.000 Menschen. Abgesehen davon, dass auch die Zahl mit der Null zu viel immer noch ein gutes Stück von 1,2 Millionen Betroffenen entfernt ist, hat die KBV also einen simplen Rechenfehler gemacht.

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