Von Hubert Markl

Nur Wissen kann Unwissen beherrschen: Bernd-Olaf Küppers’ große Studie über Macht und Verantwortung der Wissenschaft.

Wissen ist ein vielfältig schillernder Begriff, der leicht in die Irre führen kann. Wissenschaftliches Wissen, das strengen, methodischen Überprüfungsvorschriften unterworfen ist, wie sie das institutionelle System "Wissenschaft" sichern soll, kann allerdings nur vermeintlich den Anspruch erheben, der "Goldstandard" des Wissens zu sein. Carl von Linné hat den Menschen nicht ohne Grund als Homo sapiens bezeichnet, als wissensfähigen Primaten, dessen gewaltig gewuchertes Gehirn ihm Wissen ermöglicht.

Das gewann er aber sicherlich schon viele Zehntausende Jahre, bevor er es durch die Wissenschaft systematisierte und institutionalisierte. Unsere Vorfahren waren sicherlich alles andere als unwissend. Praktisches Können und praxistaugliches Wissen mussten sie aus eigener Erfahrung und durch kulturelle Tradition erlangen, bevor ihre Pfeile die richtige Beute zielgerecht trafen oder bevor das Sammeln und Aufbereiten von Feldfrüchten ihnen ein Mehrfaches an Nahrung pro Fläche lieferte als unwissenderen Wettbewerbern.

Aber damit nicht genug: Künstlerisches, vor allem musikalisches (Einfühlungs-)Wissen vereinte die Gruppe, zusätzlich zur eigenen Sprache; religiös-mythologisches Wissen hat den Wissensdurst über Herkunft und Zukunft - wie über die eigene Sonderstellung - zu stillen vermocht; und - da gemeinschaftlich geglaubt - den Menschen gleichen Glaubens das Gefühl der Zusammengehörigkeit und oftmals auch noch das des Ausgewähltseins gegeben, besonders enthusiastisch im Kampfe mit Konkurrenten.

Wissen, das erstmals, soweit wir es wissen, griechische Philosophen von bloßem Meinen unterschieden haben, kann also viele Formen annehmen. Zuverlässiges und besonders praxistaugliches Wissen, - das wir heute gerne wissenschaftlich-technisch nennen, - genauso wie jene anderen, nach denen im Alltagsleben nicht minder großer Bedarf verlangen kann, wie Hunger und Durst. Pseudowissen dazu, wenn es bohrende Fragen verstummen lässt oder betäubt. Meine übrigens niemand, man bräuchte kein Wissen oder jedenfalls dessen Vorspiegelung, wenn etwa durch Regenzauber nach langer Trockenheit rechtzeitig vor einem Platzregen der Himmel zu beschwören ist. Menschen glauben die haarsträubendsten Lügen, solange diese trösten oder begeistern können!

Ein wohlaufgeräumter Kopf

Wissen kommt etymologisch von Sehen. Der "blinde Seher" ist daher gar kein Widerspruch in sich selbst, sondern allenfalls ein Litotes, ein rhetorischer Kunstgriff, um das Besondere hervorzuheben. Selbst die Theorie - als der Inbegriff wissenschaftlichen Wissens, das hinter den Wechselfällen der Wirklichkeit die grundlegenden Gesetze erkennbar macht - kommt von dem griechischen Begriff für die Schau, die das Wesentliche erfasst.

Deshalb ist es das Streben der Wissenschaft, zu in sich widerspruchsfreien "Einsichten" zu gelangen, die die Einzelfälle - die aber doch einzig real bleiben - wenigstens nominal "durchschauen". Eine Theorie des Wissens ist somit die Betrachtung des eigenen Erkenntnisvermögens, eine höchst selbstbezügliche Betrachtung, deren Zirkelkausalität Ursache mancher Verwirrung sein kann.

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