"Intelligent Design" ist weder Wissenschaft noch Religion

Ein bisschen Schöpfung

08.07.2005, 17:25

Von Patrick Illinger

Moderne Kreationisten stochern nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer", an die Stelle von Mutation und Selektion zu setzen.

Es war ein furchtbares Gerangel vor 500 Jahren, bis endlich die Erde aus dem Zentrum des Weltalls gerückt war. Den Astronomen war seinerzeit keine Theorie zu abstrus, um die merkwürdigen Kapriolen zu deuten, die die Planeten am Nachthimmel vollführen.

Die wildesten Ideen wurden debattiert, nur um die einfachste Erklärung zu vermeiden: jene, wonach die Erde nicht das Zentrum des Sonnensystems ist, sondern nur einer von vielen Himmelskörpern, die gemeinsam um die Sonne kreisen.

Kreationismus light

Dann kamen Kopernikus, Kepler und Galileo, und die Erde verschwand aus dem Mittelpunkt. Doch der Anthropozentrismus ist geblieben. Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermuteten Astronomen unsere Galaxis, die Milchstraße, im Zentrum des Universums.

Menschen -- und Forscher gehören dazu -- fällt es eben schwer, sich selbst irgendwo anders zu wähnen als im Mittelpunkt des Geschehens. Oder wenigstens an exponierter Stelle, ganz oben zum Beispiel auf der "Evolutionsleiter" (Ein Bild, das es in der Evolutionstheorie gar nicht gibt), um nicht vom "Ebenbild Gottes" zu sprechen.

Die Erkenntnis ist hart, dass der Mensch womöglich nur ein Mosaikstein des großen Ganzen ist. Entsprechend halten es viele noch heute, mehr als 150 Jahre nach Charles Darwin, für unmöglich, dass die Evolution eine solch komplexe biologische Lebensform hervorbringen konnte.

Als gelte es, einer großen Dunkelheit zu entrinnen, stochern moderne Kreationisten nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer", an die Stelle von Mutation und Selektion zu setzen.

Intelligent Design (ID) ist ein gemäßigter Kreationismus, der zugesteht, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist und das Leben schrittweise entstanden ist. ID-Vertreter profitieren von der Tatsache, dass manche ihrer Aussagen recht wissenschaftlich klingen, und manche kritische Frage an die Evolutionslehre ist gerechtfertigt.

Keine Experimente

Kurios ist allerdings, dass es mit den Anwürfen gelingt, die Beweislast zu pervertieren: Biologen sind plötzlich gezwungen, die Evolutionstheorie zu verteidigen, als gäbe es nun einen zweiten, gleichwertigen Ansatz, der die Entstehung des Lebens erklärt.

Das ist jedoch nicht der Fall: Intelligent Design setzt nur eine Behauptung an die Stelle der Evolution, ohne jegliche Aussicht, ja sogar ohne den Anspruch, diese jemals experimentell zu überprüfen.

Damit diskreditiert sich Intelligent Design als Wissenschaft. Eine naturwissenschaftliche Theorie braucht Daten, Experimente, Messungen. Das ist keine künstliche Hürde, um neue, innovative Ideen zu unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist die Garantie für Freiheit. Die Freiheit, Theorien wieder zu verwerfen, wenn neue experimentelle Befunde das fordern.

Die Evolutionstheorie ist durch eine Fülle experimenteller Funde gefestigt. Doch auch sie könnte sich eines Tages als unzureichend oder falsch erweisen.

Das ist aber Prinzip und Stärke von Naturwissenschaft: die Offenheit, den eigenen Erkenntnisstand zu revidieren, auch wenn es intuitiv schwer fällt.

Diese Möglichkeit ist bei ID nicht enthalten. Diese so genannte Theorie hat schon aus diesem Grund, ohne Ansehen des Inhalts, keinen Anspruch darauf, als Wissenschaft akzeptiert zu werden.

Dass Intelligent Design dennoch in den naturwissenschaftlichen Unterricht an Schulen und Universitäten eindringt, ist nur mit der ureigenen menschlichen Sehnsucht nach Bedeutung erklärbar.

Schon der Begriff "intelligent" zeigt, was die Verfechter des modernen Kreationismus mit ihren puristischeren Kollegen, den wortgetreuen Exegeten der Schöpfungsgeschichte, gemein haben. Es ist weniger die Liebe zu Gott als zu sich selbst: Was muss das für ein intelligenter Schöpfer sein, der ein so großartiges Wesen wie den Menschen geschaffen hat?

Trauriges Gottesbild

Der Maßstab, der hier angelegt wird, ist allzu menschengemacht: Leitartikel schreiben, Helikopter bauen, Webseiten programmieren -- das hat in kosmischen Dimensionen wenig Bedeutung.

Sicher, der menschliche Körper ist ein erstaunlich komplexes Gebilde, aber sollte man ihn (auch im Angesicht von Krebs, Alzheimer und Depressionen) als Nonplusultra der Schöpfung ansehen? Wohl kaum, abgesehen davon, dass wir, anders als manche Bakterien, Schaben, Haie und Antilopen, unsere Tauglichkeit in den Zeiträumen der Erdgeschichte noch längst nicht bewiesen haben.

Mit dem Versuch, letztlich die Existenz eines Intelligenten Designers (Gott, auch wenn dieser Begriff aus juristischen Gründen vermieden wird) zu beweisen, scheitern die ID-Verfechter zweifach: Zum einen ist die Verneinung einer anderen Theorie kein Beweis für die Richtigkeit der eigenen.

Zum anderen wird ein allzu trauriges Bild Gottes erzeugt, das den Schöpfer zu einem Mechaniker degradiert, der Milliarden Jahre lang ähnlich wie Charlie Chaplin im Film "Moderne Zeiten" an den Schräubchen der Evolution herumfrickelt, dabei immer wieder unfähige Lebensformen erzeugt und vernichtet, mit dem Ziel, das ultimative Wesen, den Menschen, zu erschaffen. Hat Gott das nötig? Nein: Intelligent Design ist nur die kümmerliche Light-Version eines Gottesbeweises.

Das ist insofern beklagenswert, als die Naturwissenschaften allgemein und die Evolutionstheorie speziell jeden Raum für fundierten Theismus offen halten. Streitbare Evolutionsbiologen wie der 2002 verstorbene Stephen Jay Gould haben zwar gern mit ihrer atheistischen Haltung kokettiert. Doch unter den großen Evolutionsforschern gab und gibt es viele zutiefst religiöse Menschen. "Es ist schlicht nicht der Fall, dass Menschen, die morgens mit Evolution beginnen, am Nachmittag Atheisten werden", sagte der Philosoph Michael Ruse.

Die Schwachpunkte der Evolutionstheorie sollten an Schulen und Universitäten gelehrt und diskutiert werden. Die Entstehung komplexer Strukturen zum Beispiel, wie sie in der Biologie üblich sind, wird von den derzeit bekannten Grundgesetzen der Physik nicht befriedigend beschrieben.

Komplexität und Selbstorganisation sind zwar in nicht abgeschlossenen Systemen möglich. Beides wird aber durch das Formelwerk der Physik nicht ausdrücklich gefordert. Womöglich gibt es irgendwann einen dritten Hauptsatz der Thermodynamik, der den Drang der Natur zu Komplexität erklärt. Und, wer weiß, vielleicht wird eines Tages eine ernsthafte Konkurrenz zur Evolutionslehre entdeckt. Nur: Intelligent Design wird sie nicht heißen.

(SZ vom 8.7.2005)

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Leserkommentare (3)



23.07.2007 18:06:19

wernerhahn: Mutation, Selektion und die Evolutionäre Symmetrietheorie

Moderne Kreationisten stochern nach den Lücken der Evolutionstheorie, um einen "Intelligenten Designer" an die Stelle von Mutation und Selektion zu setzen. Die Schwachpunkte der Evolutionstheorie sollten an Schulen und Universitäten gelehrt und diskutiert werden. Das Wandlungsproblem wird durch eine Selektionstheorie mit dem Postulat einer alleinigen Außenselektion im Sinne Darwins natürlich nicht gelöst. Die jeweils erste Entstehung der neuen morphologischen, physiologischen und verhaltensmäßigen Ausstattung einer Spezies entwickelt sich evolutionär unabhängig von der möglicherweise sekundär (a posteriori) einwirkenden „äußeren“ Selektion über interne Konstruktions/Bifurkationsmechanismen, die aufzufinden sind. Die Erwartung, das Existieren eines „inneren Prinzips“, einer „inneren Ursache“, welche Ordnung und Richtungssinn in der Evolution bestimmt, wurde von namhaften Forschern vorgebracht. Rupert Riedl sprach hier von der „Grundfrage der Evolutionstheorie“. Die bekannten Hauptmechanismen biologischer Evolution – Selektion (Darwinismus), Mutation (Neo-Darwinismus) und Populationsdynamik reichen nicht aus, um die erweiterungsbedürftige Evolutionslehre wirklich zu verstehen. Emergenz, das heißt das Auftauchen neuer Systeme beziehungsweise neuer Systemeigenschaften in der Evolution, kann als selbstorganisierende Prozessdynamik beschrieben werden: Wie im Prozess des evolutionären Geschehens konstruktiv Neues entsteht, vermag eine den Formenwandel erklärende, umfassende evolutionär orientierte Symmetrietheorie zu beschreiben. Das Forschungsprogramm Evolutionäre Symmetrietheorie (kurz: EST) belegt den neuen Aspekt eines engen Zusammenhangs von Symmetrie bzw. Symmetriebrechung und der Dynamik struktur- und musterbildender selbstorganisierender (anorganischer und organischer) Systeme. Es wurde in der (vergriffenen) Anthologie „Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme“ (Stuttgart 1996; Hrsg. Werner Hahn und Peter Weibel) aus der Sicht verschiedener Disziplinen erörtert: Symmetriebrechung als Prozess kann, verknüpft mit der Symmetrie-Neubildung, als Motor der Evolution verstanden werden. 1997 schrieb Spektrum der Wissenschaft: „Möglicherweise wird dieses Buch in der Zukunft von hohem Wert sein als Leitfaden zur Entdeckung neuer allgemeiner Charaktere der Naturkräfte.“


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