Das Gehirn voller Mozart
Hirnforschung
12.10.2006, 10:27
Auch wenn sie Bach und nicht Mozart singen: Die Knaben des Leipziger Thomanerchors erkennen einer Studie zufolge deutlich schneller als ihre Altersgenossen, wenn an einem gesprochenen Satz etwas nicht stimmt. (Foto: dpa)
"Musik ist ganz nutzlos, das macht sie so wertvoll." Diesen Oscar Wilde zugeschriebenen Ausspruch zitierten gleich mehrere Sprecher auf der Tagung "Mozart and Science", die vergangen Woche in Baden bei Wien stattfand.
Dennoch ließen sie sich nicht daran hindern, eifrig mögliche Nutzanwendungen von Rhythmen und Melodien zu diskutieren.
Wo die Wissenschaft von Mozart Thema sein sollte, wurde selbstredend auch das Phänomen des umstrittenen "Mozart-Effekts" zum großen Thema.
Dass die Musik des Genies schlau macht, davon sind Gordon Shaw und Frances Rauscher schon seit 1993 überzeugt. Damals untersuchten die beiden Forscher an der University of California in Irvine an ein paar Dutzend College-Studenten die Auswirkungen einer Mozart'schen Hörprobe.
Nach dem Hören einer Mozart-Sonate hätten die Studenten ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen gehabt, folgerten sie daraus, wie ihre Probanden eine Art Origami-Aufgabe bewältigten.
"Inzwischen hat sich in den USA eine ganze Mozart-Industrie entwickelt", sagte Roland Haas, Rektor der Universität Mozarteum in Salzburg. Der Begriff "Mozart-Effekt" wurde geschützt und fördert seitdem den Verkauf von Büchern und CDs, die die graue Masse im Schädel auf Trab bringen sollen.
Eines zumindest ist unumstritten: Dass sich Musik tief ins Hirn eingräbt und dort fest mit Erinnerungen verknüpft ist. Frühe Musikerfahrungen bleiben oft ein Leben lang gespeichert: Der Song, der gerade die Charts stürmte, als man sich zum ersten Mal verliebte, hat auch nach Jahrzehnten noch besondere Bedeutung.
Was sich genau im Gehirn abspielt, wenn Menschen Musik hören, die mit intensiven Erinnerungen verknüpft ist, hat der Psychologe Petr Janata von der University of California in Davis erkannt. Dazu nutzte er die Methode der funktionellen Magnetresonanztomographie, welche jene Hirnregionen sichtbar macht, die gerade aktiv sind.
Das Ergebnis: Wenn eine Melodie erklingt, die wichtige Lebensphasen ins Gedächtnis ruft, werden vor allem Nervenzellen im Medialen Präfrontalen Cortex der linken Hirnhälfte aktiv. Je größer die autobiographische Bedeutung des Musikstücks ist, desto stärker sind diese Signale.
Da es sich bei dieser Gehirnregion um ein Gebiet handelt, das bei Demenzpatienten kaum von der Krankheit betroffen ist, hofft Janata seine Ergebnisse für die Behandlung von Alzheimerkranken nutzen zu können.
Tatsächlich kann das musikalische Erinnerungsvermögen auch bei starker Demenz erhalten bleiben - selbst Patienten, die kaum noch sprechen, singen bekannte Lieder mit.
Und eine Musiktherapie kann die Aufmerksamkeit und das Erinnerungsvermögen von Menschen mit Alzheimer durchaus verbessern, wie Concetta Tomaino vom New Yorker Institute for Music and Neurologic Function auf der Mozart-Tagung berichtete.
Ob Musik auch bei Gesunden das Leistungsvermögen steigert, wird dagegen seit Jahren heftig diskutiert. Bis heute ist der gut vermarktete Mozart-Effekt umstritten geblieben. Während einige Arbeitsgruppen die intelligenzfördernde Wirkung von Musik im Allgemeinen und von Mozart im Besonderen bestreiten, fanden andere sie bestätigt.
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