Viele Menschen glauben an die Wirkung der extrem verdünnten homöopathischen Mittel - doch es ist der Glaube, der hilft, nicht das Mittel selbst. Das zeigt eine große Studie von Wissenschaftlern aus der Schweiz und Großbritannien. Ärzte sollten nun so ehrlich sein, dies auch ihren Patienten zu sagen.

Taschenapotheke

Eine Taschen-Apotheke von Samuel Hahnemann (1755-1843), dem Begründer der Homöopathie. (Foto: ddp)

Wer an die Wirkung von Homöopathie, Bachblüten, Aromen oder anderen Behandlungsmethoden glaubt, den wird vielleicht auch diese Studie nicht beeindrucken.

Doch ignorieren sollte man es nicht, wenn ein internationales Forscherteam in einer groß angelegten Untersuchung feststellt, dass "die Effekte der Homöopathie mit der von Scheinmedikamenten vergleichbar" sind.

Genau dies berichtet jetzt eine Gruppe um Matthias Egger von der Universität Bern im renommierten Medizin-Fachjournal The Lancet (Bd. 366, S. 726, 2005).

Die Wissenschaftler verglichen die Ergebnisse von 110 Studien, in denen homöopathische Mittel getestet wurden, mit der gleichen Zahl von Schulmedizin-Studien. In allen Fällen trat der jeweilige Wirkstoff gegen ein wirkungsloses Scheinmedikament (Placebo) an.

Zudem bewerteten die Forscher alle Untersuchungen bezüglich der Teilnehmerzahl und der Qualität. Als besonders gut wurden etwa randomisierte doppelblinde Studien benotet, d.h. Studien, bei denen weder die Teilnehmer noch die Mediziner wussten, welche Substanz jeweils verabreicht wurde.

Das Ergebnis: In „kleinen, weniger guten“ Studien zeigten sowohl die Homöopathie als auch die Schulmedizin eine gewisse Tendenz zur Wirksamkeit.

In den „großen, besseren“ Untersuchungen zeigten sich lediglich schwache Hinweise auf einen spezifischen Effekt der homöopathischen Mittel, aber starke Hinweise auf eine Wirkung der schulmedizinischen Methoden.

“Diese Ergebnisse“, so die Schlussfolgerung der Forscher, „passen zu der Annahme, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo-Effekte sind.“

Wer also meint, nach einer homöopathischen Behandlung eine Besserung zu spüren, hätte dies auch mit einem Scheinmedikament erreicht – notwendig ist lediglich der Glaube an die Wirksamkeit des verabreichten Mittels.

Offenbar beruht dies auf ähnlichen Effekten: Scheinmedikamente können etwa die Ausschüttung von körpereigenen Schmerzmitteln im Gehirn anregen oder die Hirnaktivität zur Vermeidung unangenehmer Gefühle steigern.

150 Jahre alte Debatte

Besonders interessant, so kommentiert die Zeitschrift die Ergebnisse, sei es, dass noch immer um die Wirksamkeit der Homöopathie debattiert wird – obwohl während der letzten 150 Jahre immer wieder festgestellt wurde, dass sie eigentlich nicht wirkt.

„Je weniger Hinweise für die Homöopathie sprechen, desto größer scheint ihre Popularität zu sein“, wundert man sich dort.

Patienten sehen die Homöopathie vermutlich als ganzheitliche Alternative zu nur krankheitsbezogenen Schulmedizin, so die Fachleute. Schließlich nehmen sich Homöopathen gewöhnlich mehr Zeit für Patienten als Schulmediziner.

Diese Einstellung der Patienten „ruft eine Suche nach Therapieformen hervor, die eine noch größere Bedrohung für die Gesundheitsvorsorge und das Wohlbefinden des Patienten darstellt als die ungerechtfertigten Behauptungen bezüglich der angeblichen Vorzüge einer absurden Verdünnungs-Methode“.

Bei der Homöopathie werden Pflanzen- und Mineralien-Extrakte eingesetzt. Die Verdünnung ist zuweilen so stark, dass sich rechnerisch kein Wirkstoff-Molekül mehr in dem Präparat befindet.

Es wurde genug geforscht, so das Fazit. „Nun müssen Ärzte ihren Patienten gegenüber so mutig und ehrlich sein, festzustellen, dass Homöopathie nichts nützt – und sich selbst müssen sie eingestehen, dass die moderne Medizin die Bedürfnisse der Patienten nach einer individuellen Gesundheitsfürsorge nicht genügend berücksichtigt.“

Zwar hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einigen Jahren berichtet, dass die Mehrheit der Studien in den letzten 40 Jahren eine stärkere Wirkung der Homöopathie gezeigt hätten als Plazebos.

Wie Edzard Ernst von der Peninsula Medical School im britischen Exeter jedoch dem Sender BBC erklärte, hatte die WHO nicht die besten und aktuellsten Untersuchungen berücksichtigt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Angebot des Amerikaners James Randi. Randi, ein bekannter Illusionist, hat einen Preis von einer Millionen Dollar ausgesetzt für denjenigen, der eine Krankheit nachweisbar mit Hilfe homöopatischer Mittel heilt.

Bislang hat sich allerdings noch niemand gefunden, der auch nur die ersten Tests bestanden hätte, berichtete die BBC.

(sueddeutsche.de/dpa)

ANZEIGE

mehr ...


Themen

Weitere Artikel in Wissen

Leserkommentare (0)



Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


Vor 200 Jahren kam Darwin zur Welt. Vor 150 Jahren begründete er die Evolutionstheorie. Eine Serie über sein Erbe.
Spezial
Warum und wie verbreitet sich das Virus - und wie sollten wir reagieren? Die Antworten in einem Spezial.
Beliebte Beiträge
Kaum ein Thema bewegt unsere Leser so wie die Impfung gegen die Schweinegrippe. Seit Wochen schreiben sie uns ihre Erfahrungen und Ansichten. Hier können Sie sie lesen.
Biohacker basteln am Code des Lebens und erschaffen zum Beispiel Darmbakterien mit Pfefferminzduft. Öffnet dies eine Tür zu fatalen Experimenten?
30 Grad und mildes Waschmittel lassen Bakterien in der Waschmaschine gut gedeihen. Wissenschaftler warnen vor Infekten.
Kann man Schläger wie die von Solln für ihre brutale Tat überhaupt verantwortlich machen? Hirnforscher Gerhard Roth zweifelt daran - und fordert ein neues Strafrecht.
Wie Verschwendung zum Untergang des Weströmischen Reiches beigetragen hat und wie Experimente helfen, die Vergangenheit zu verstehen.
Serien für Neugierige
Was, wer, wann und warum überhaupt?
die sie noch nicht wissen über ...
Yeti
Neben Nessie und Bigfoot gehört der Yeti zu den berühmtesten Ungeheurn der Welt. Doch es existieren angeblich noch viel mehr unheimliche Wesen.
Im Kuriositätenkabinett der Kreaturen
Wo der Planet an seine Grenzen geht
Natur und Wissenschaft
Der Sternenhimmel des laufenden Monats
Eine interaktive Grafik
Test-Ecke
Amsel, Drossel, Fink oder Star? Prüfen Sie Ihr Wissen.
Es ist nicht ganz leicht zu erkennen, was diese Satellitenaufnahmen zeigen. Aber versuchen Sie es trotzdem.
Schauen Sie diesen Tieren tief in die Augen. Erkennen Sie, um welches Vieh es sich handelt?
Wissen Sie Bescheid über unsere Nachbarplaneten?
Regenwolken kennt jeder. Aber was verraten uns feine Schleier oder Schäfchenwolken darüber, wie das Wetter wird?
Nein, nicht die Schweizer. Aber von wem stammt nun eigentlich die erste Dampfmaschine?
Von der steinzeitlichen Trepanation bis zur Herztransplantation - wissen Sie Bescheid über die Geschichte der Heilkunst?
Hat Magellan wirklich als erster die Welt umsegelt? Und wer hat eigentlich Australien entdeckt?
Wann flog die erste Rakete ins All? Wie lang hielt die erste Raumstation?
Pottwal, Blauwal, Finnwal - erkennen Sie die Meeressäuger?
SZ Photo
Alzheimer - Das fortschreitende Vergessen
Das vor über 100 Jahren von dem Neurologen Alois Alzheimer beschriebene Leiden tritt in 90 Prozent der Fälle erst ab dem 60. Lebensjahr auf. In der westlichen Welt ist die Krankheit inzwischen zur vierthäufigsten Todesursache geworden, da die Menschen immer älter werden. mehr...