vgwort

Interview: C. Weber

Leben wir im Trugbild der Beständigkeit? Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die Zukunft der Demokratie in Zeiten von Klimawandel und Ressourcenknappheit. .

"Offenbar bringt es einen Vorteil, wenn man einfach planen und exekutieren kann, ohne langwierige Verfahren, so wie bei uns". Sozialpsychologe Harald Welzer. (Foto: Susanne Schleyer)

SZ: Die Welt redet über den Klimawandel, warum spielt er im deutschen Wahlkampf kaum eine Rolle?

Welzer: Alle anderen Zukunftsfragen kommen in diesem Wahlkampf ja auch nicht vor. Dabei wissen die Politiker so wie die meisten Bürger, dass mit dem Klimawandel ein Riesenproblem anrollt. Aber es scheint vorstellungswidrig, dass unsere Welt ganz schnell ganz anders aussehen könnte. Historiker wundern sich immer, dass niemand die Katastrophe des ersten Weltkrieges oder den Holocaust vorhergesehen hat. Aber Geschichte ist ein Prozess, und als Teil dieses Prozesses ist man extrem schlecht darin, seine möglichen Folgen zu überblicken. Die Routinen unseres Alltags erzeugen ein Trugbild der Beständigkeit: Jeden Morgen steckt die Zeitung im Briefkasten, das Auto springt an und das Büro wartet auf uns. Desaster werden erst wirklich wahrgenommen, wenn das Universum der Normalität kollabiert.

SZ: In Europa vertrauen vermutlich viele Menschen darauf, dass der Klimawandel sie nicht so hart treffen wird.

Welzer: Selbst wenn wir das annehmen, wird das im Süden der Welt anders werden. Die Katastrophen dort werden unter anderem zu einer massiven Migration nach Norden führen. UN-Organisationen prognostizieren 150 Millionen Umweltflüchtlinge in den nächsten Jahren. Was wird passieren, wenn im Jahr 2050 mehr als zwei Milliarden Menschen unter Wasserknappheit leiden? Oder wenn Megastädte wie Lagos mit 17 Millionen Menschen überflutet werden? Immer mehr Flüchtlinge werden sich nach Europa aufmachen. Bereits jetzt ertrinken jedes Jahr Tausende im Mittelmeer.

SZ: Wieso umgehen auch informierte Politiker das Thema?

Welzer: Sie kommen aus einer Welt, in der man stets optimistisch in die Zukunft blickte. Nun ahnt man zum ersten Mal: Die Gegenwart ist womöglich besser als die Zukunft. Dazu fällt denen nichts ein. Auch bei der Bewältigung der Weltwirtschaftskrise geht es nur darum, den Status quo um jeden Preis zu erhalten. Man stellt keine Weichen für eine Ökonomie, die mit weniger oder ohne Wachstum auskommen könnte. Die meisten Politiker und Manager denken, dass wir lediglich eine zyklische Krise durchleben. Dabei steuern wir an Funktionsgrenzen unseres Systems. Das war gute 200 Jahre extrem erfolgreich, weil es seine Rohstoffe von außen bezogen hat. In dem Augenblick, wo sich dieses Wirtschaftsprinzip globalisiert, geht es zugrunde, weil eine globalisierte Welt kein Außen hat.

SZ: Ein Problem bei solchen Horrorprognosen ist, dass man sie seit Thomas Malthus immer wieder gehört hat.

Welzer: Völlig richtig. Man sollte den Weltuntergang nicht mehrmals vorhersagen, das führt zu Abstumpfung. Andererseits haben sich viele Prognosen bestätigt, das Artensterben und der Klimawandel finden ja statt. Weitere Voraussagen werden mit Verzögerung eintreffen. Die Grundannahmen der Umweltbewegung stimmen: Ressourcen sind endlich, Wachstum hat Grenzen. Die Globalisierung macht die Grenzen sichtbar.

SZ: Wissenschaft und Technologie haben diese Grenzen immer weiter hinausgeschoben. Mittlerweile wird ernsthaft über Geoengineering diskutiert, also großtechnische Lösungen wie Reflektoren im Weltall ...

Welzer: Ich bin nicht technikfeindlich, aber wie kann man darauf vertrauen, dass immer zur rechten Zeit etwas zur Hand sein wird, dass unseren Status quo sichert? Was das Geoengineering angeht: Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass alle Großtechnologien unerwartete Nebenwirkungen zeigen. Und jetzt will man auf globaler Ebene experimentieren: Wir düngen jetzt mal das Meer und alles wird gut? Das ist so ein naiver Daniel-Düsentrieb-Optimismus.

  • In diesem Artikel:
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  2. 2 Zukunftsmodell Öko-Diktatur?
  3. 3 Klimawandel

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Leserkommentare (10)



22.09.2009 09:40:07

MikeMacke: @Johnsonville

China hat sich - im Gegensatz z.B. zur ach so vorbildlichen EU - dazu bereit erklärt, für jeden Menschen die gleiche CO2-Emission zuzulassen. Über die Höhe der Emission PRO MENSCH sollte man dann noch verhandeln; Eckwerte aus Simulationen gibt es schon. Leider machen da weder Amerika noch die EU mit - warum nur? Es ist doch der einzig vernünftige demokratische Ansatz! Oder ist ein Chinese (Schwarzer, Jude, Palästineser, Junge, [bitte Ihre benachteiligte Lieblingsgruppe auswählen]) weniger wert und darf deshalb weniger emittieren?

Aus chinesischer (und meiner) Sicht ist es unverständlich, wenn eine Anzahl Menschen, die gerade 'mal rund ein Fünftel oder Viertel der eigenen Bevölkerung (Suchen sie sich wahlweise die USA, ca. ein Fünftel, oder die EU, etwas mehr, aus) ausmachen, ebensoviel oder sogar mehr CO2 emittieren will und dann von Demokratie als der Herrschaft der MEHRHEIT redet.

Ach so: es geht ja darum, dass ICH nichts ändern muss. Das sollen doch bitteschön die anderen.


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