Der Web-Forscher Andreas Weigend über neue Geschäftsmodelle, private Selbstdarsteller und den Siegeszug des Laienwissens im Netz.
Andreas Weigend Foto: weigend.com
SZ WISSEN: Vor unserem Gespräch hatten Sie einen Termin in San Francisco, morgen sind Sie in Stanford, und übermorgen kommen Sie um 12.29 Uhr in Portland an. Ihr Leben steht ziemlich detailliert online. Warum?
Andreas Weigend: So können andere und ich selbst auf weigend.com nachschauen, wo ich wann sein werde und zu erreichen bin. Dann müssen nicht verschiedene Sekretariate umständlich Kontakte herstellen.
SZ WISSEN: Andere Web-Nutzer geben noch mehr über sich preis, ihre mehr oder minder spannenden Alltagsgedanken, ihren Lieblingsitaliener, ihre BH-Größe. Was bringt Menschen dazu, im Netz ihr Leben offenzulegen?
Weigend: Menschen haben schon immer über sich selbst geschrieben. Vielleicht wollen sie sich später an etwas erinnern, vielleicht sich unsterblich machen oder ihnen fällt im Prozess des Schreibens etwas ein. Den einen Web-Autor fasziniert, dass er potenziell Hunderte Millionen von Lesern erreicht, den anderen der Gedanke, dass ein ganz bestimmter Mensch ihn online entdeckt.
SZ WISSEN: Spielt die Motivation, ein solches Netz-Ich aufzubauen, auch bei Ihnen eine Rolle?
Weigend: Ja, schon. Vielleicht ist ja für jemanden, der regelmäßig auf drei Kontinenten arbeitet, sein Netz-Ich das einzige Zentrum, das ihm noch bleibt. Auf meiner Website finden Sie hauptsächlich Fakten, aber vielleicht gibt es ja Pseudonyme, mit denen ich auf anderen Webseiten unterwegs bin und über Dinge wie mein Lieblingsrestaurant schreibe.
SZ WISSEN: Das heißt, der Reiz liegt darin, sich persönlich darstellen zu können, weil man zugleich anonym bleiben kann?
Weigend: Aus den vielen Netz-Ichs entsteht ein Ich-Netz, in dem wir verschiedene Dimensionen unserer Persönlichkeit auf neue Art und Weise ausleben können. In der physischen Welt ist immer klar, ob ich nun einen Anzug trage oder einen Sportdress: Es ist derselbe Herr Weigend, der da gerade um die Ecke biegt. Im Mitmach-Web 2.0 lernt man Menschen ohne Ansehen der Person über ihre Interessen und Vorlieben kennen.
Jeff Bezos, Chef des Online-Buchversands Amazon Foto: AP
SZ WISSEN: Sie beraten heute Firmen und waren der Vordenker von Amazon. Was bedeutet das Web 2.0 für Unternehmer? Entziehen sich Nutzer, die lieber Tagebücher lesen oder aus einer Flut privater Web-Videos auswählen, nicht der Bestimmbarkeit und Ansprechbarkeit als Kunde?
Weigend: Eine Firma wie Amazon.com speichert alle Klicks der Besucher auf der Website ab. Die Möglichkeit, in diesen Daten Verhaltensmuster zu erkennen, hat mich als Experimentalphysiker gereizt. Die Firma kann die durch Data-Mining gewonnenen Informationen beispielsweise nutzen, um Kaufempfehlungen zu geben. Das ist traditionelles E-Business.
Im neuen Me-Business spürt die Firma andere Informationsquellen der Kunden auf: Sie erzählen in Tagebüchern, sie hinterlegen Lesezeichen zum Wiederfinden von Seiten, die sie interessant finden, und verschlagworten diese öffentlich durch sogenannte Tags, zum Beispiel auf Del.icio.us. Die führenden Firmen haben angefangen, intensiv über Einnahmequellen jenseits des traditionellen Transaktionsgeschäfts nachzudenken.
SZ WISSEN: Welche Einnahmequellen zum Beispiel?
Weigend: Zunächst lässt sich die traditionelle „Money economy“ weiter ausbauen: Dem Nutzer werden gezielte Angebote gemacht, zum Beispiel aufgrund seines vergangenen Kaufverhaltens. Die zweite Stufe, die ich „Intention economy“ nenne, verwertet die Absichten des Nutzers. Man zeigt ihm Anzeigen, die zum Beispiel zu seiner aktuellen Google-Suche passen. Die dritte, die „Attention economy“, schaut sich seine Aufmerksamkeit an, seine Interessen – zum Beispiel, welche Dinge er mit Tags versieht. Darin stecken noch mehr Informationen als in einer Suche. Die Berliner Firma Nugg.ad, die ich mitgegründet habe, setzt solche individuellen Interessen in gezielt platzierte Werbung um.
»Das Web ist das größte Labor für menschliches Verhalten.«
Andreas Weigend, Web-Forscher
SZ WISSEN: Wie spürt man denn spezielle Interessen zum Beispiel in Web-Tagebüchern auf?
Weigend: Blog-Suchmaschinen mit Algorithmen zur Textverarbeitung können Interessen aus Tagebüchern extrahieren – etwa dass ich meinen Futon verkaufen will, wenn ich das in meinem Blog erwähne. Die Maschinen aggregieren diese Information für meine Wohngegend und bringen dann potenzielle Käufer und den Verkäufer zusammen.
SZ WISSEN: Das heißt, es braucht heute kein Data-Mining, keine Muster-Erkennung mehr?
Weigend: Im größten Labor für menschliches Verhalten, dem Web, werden mehr Daten gesammelt als je zuvor. Und die Kunst, sie zu interpretieren, ist gefragter denn je. Früher haben Firmen noch versucht, Kundendaten zu erheben, etwa welche Magazine jemand liest, wie viele Leute in seiner Firma arbeiten, tristes Zeug. Die Menschen sind müde geworden, darauf zu antworten, zumal es meist keine Resonanz gab.
Im Gegensatz dazu, und hier ist wieder Del.icio.us. ein gutes Beispiel, lautet die Devise im Mitmach-Web: Schreibt auf, wozu ihr Lust habt, etwa Dinge, an die ihr euch erinnern wollt. Teilt dann eure Tags, Aushängeschilder, mit anderen. Statt Mustererkennung
in Datenfriedhöfen machen wir jetzt Experimente in freier Wildbahn.
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In diesem Artikel:

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