Frank Magdans

Digitale DJs wie „Musicminer“ analysieren den persönlichen Musikgeschmack und empfehlen dazu passende Lieder.

Was Fabian Mörchen macht, klingt zunächst wie Volksmusik: Er sortiert Lieder in Täler ein, baut Berge zwischen ihnen auf, legt sie in Seen oder auf Gletscher.

Doch der Doktorand von der Universität Marburg will keine alpenländische Idylle erschaffen, sondern mit seinem Programm „Musicminer“ Ordnung in Musiksammlungen bringen.

Anstatt auf der Suche nach dem gerade zur Stimmung passenden Titel Textwüsten und Datenlisten zu durchforsten, sollen Nutzer von Musicminer die Klänge auf ihrer Festplatte intuitiv erfassen – in Form einer Landkarte.

Mörchen, sein Doktorvater Alfred Ultsch und eine Reihe von Studenten haben ein Jahr an Musicminer gearbeitet. Für Windows und Linux steht die Software nun kurz vor der Veröffentlichung. Bis dahin allerdings war viel Arbeit nötig:

Jedes Lied rund 66.000 Zahlen

Zunächst mussten die Informatiker eine Technik entwickeln, um aus einem Musikstück eine überschaubare Menge von Zahlen zu gewinnen, die den Klang möglichst gut charakterisieren. Dazu zerlegte das Team beispielhafte Stücke in 23 Millisekunden lange Schnipsel.

Die Lautstärke und die vorherrschenden Frequenzen der Intervalle wurden berechnet, die Verteilung dieser Werte im Musikstück wurde analysiert. Am Ende waren aus jedem Lied rund 66.000 Zahlen geworden.

 
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„Jede dieser Zahl beschreibt einen anderen Aspekt des Klangs“, sagt Mörchen. Doch zur effizienten Einordnung des Songs per Computer waren es immer noch zu viele. Deshalb zerlegten die Entwickler Stücke aus verschiedenen Musikrichtungen und untersuchten, in welchen der 66000 Zahlen sich diese Titel am deutlichsten unterschieden.

So konnten Mörchen und seine Mitarbeiter am Ende 20 Zahlen auswählen, die die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale in sich vereinen. Und daraus wiederum generiert der Computer die Einordnung in die anschauliche Datenlandschaft. Lieder, die auf gleicher Höhe liegen, sind sich ähnlich. Steile Berghänge trennen stilistisch stark unterschiedliche Stücke.

Beastie Boys neben Kruder & Dorfmeister

Die Landkarten sind dabei immer für eine Überraschung gut: Oft liegen Stücke und Bands beieinander, die nach der klassischen Einordnung in Genres wenig miteinander zu tun haben. Musicminer legt zum Beispiel eine Hip-Hop-Band wie die Beastie Boys neben den Lounge-DJs Kruder & Dorfmeister und Lenny Kravitz ins selbe Tal der Landschaft.

Der Grund: Alle drei Interpreten verwenden in ihren Songs Breakbeats mittlerer Geschwindigkeit, ruhig dahinfließende Bassläufe und unaufdringliche Refrains im selben Frequenzbereich. „Von den Genres wollten wir uns bewusst lösen und haben einfach darauf geachtet, was ähnlich klingt“, sagt Fabian Mörchen.

Die Software seiner Gruppe ist nicht das einzige Produkt, das Musikstücke empfiehlt. Die Konkurrenz verfolgt jedoch andere Prinzipien. So orientiert sich der Online-Händler Amazon am Geschmack anderer Kunden.

Wer sich für die Gruppe Dire Straits interessiert, erfährt knapp: „Kunden, die diese CD gekauft haben, haben auch diese Musiktitel gekauft“ – auf der Liste stehen die Gitarristen Eric Clapton und Friedemann.

Surfen durch Klanglandschaften

Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau wiederum, wo MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg arbeitet, hat das System „AudioID SoundsLike“ entwickelt.

Es empfiehlt zu einem vorgegebenen Stück eine Liste mit zehn ähnlichen Stücken – zum Beispiel zu „Sie ist weg“ von den Fantastischen Vier den Country-Song „Brown-Eyed Handsome Man“ von Johnny Cash.

Der Vorteil von Musicminer ist jedoch die grafische Aufbereitung. Das Programm analysiert die Musikdaten auf der Festplatte und errechnet daraus die Klanglandschaft. Das dauert je nach Zahl der Stücke und Rechenleistung des Computers mehrere Stunden. Dann aber kann der Nutzer intuitiv durch seine Musiksammlung navigieren.

Er klickt einfach auf die entsprechende Region – das Tal der Schnulzen oder die Ebene der treibenden Bässe. Daraufhin erscheint der Titel eines Liedes, und Musik ertönt aus den Lautsprechern. Als Abspielliste kann der Nutzer mit der Maus eine Route auf der Karte definieren.

Eine Weiterentwicklung der Anwendung für Organizer oder Handys ist ebenfalls möglich: Ist die Klanglandschaft einmal vom PC berechnet, ließe sie sich auf das tragbare Gerät übertragen und unterwegs nutzen.

musicminer.sourceforge.net

(SZ vom 31.5.2005)

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