Von Philip Wolff

Hirnforschung und Biologie prägen ein zunehmend maschinelles Menschenbild –jetzt halten die Philosophen dagegen.

Als die Ureinwohner der Xingu-Region in Brasilien 1887 zum ersten Mal vor einer Kamera standen, erstarrten sie vor Schreck. Sie glaubten, die Kamera raube ihnen die Seelen: eine mythische Angst, geboren aus der Vorstellung, menschlicher Geist sei identisch mit einem Abbild des Körpers und ließe sich also ablichten. Was würden die Menschen aus der Ferne mit diesem Geist wohl anstellen?

Die abendländischen Forscher hingegen staunten. Schließlich bestand für sie kein Zweifel, dass es unmöglich ist, Seelen fotografisch festzuhalten. Aus Sicht moderner, methodischer Denker war das eine primitive Vorstellung.

Ureinwohner der Xingu-Region: Seele durchs Fotografieren geraubt, Reuters

Ureinwohner der Xingu-Region: Seele durchs Fotografieren geraubt? Foto: Reuters

Schon im 17. Jahrhundert hatte der französische Naturforscher und Philosoph René Descartes den physischen Körper und den immateriellen Geist analytisch getrennt. Der Körper galt fortan als Maschine und der Geist als unsterbliches Wesen außerhalb der physischen Welt.

Heute ist die Lage komplizierter. Längst wissen Hirnforscher und Philosophen, dass die zwei Welten Descartes’, der Geist und die Körpermaschine, eng miteinander verknüpft sein müssen, dass zum Beispiel Gedankenprozesse immer an die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn gekoppelt sind.

Doch birgt gerade dieses Wissen die Gefahr, Hirnphysis und Geist für dasselbe zu halten: Hirnforscher bilden mithilfe von Tomografen neuronale Prozesse ab und erklären menschlichen Geist für identisch mit dem Inhalt ihrer Bilder. Aus den beobachteten Gesetzmäßigkeiten der Hirnaktivität schließen sie auf einen Geist, der sich maschinell nachbilden und prinzipiell auch als Chip in die Tasche stecken ließe.

Leicht fallen sie so – mitten in der aufgeklärten Wissenschaftswelt des 21.Jahrhunderts – wieder in eine Art mythischen Denkens zurück. Davor warnen jetzt Philosophen in seltener Deutlichkeit.

Sie sehen sich mit einem naturwissenschaftlichen Menschenbild konfrontiert, das dem schlichten Glauben der Xingu nicht ganz unähnlich ist: „Geist wird auf physiologisches Geschehen reduziert“, warnt der Bonner Philosophie-professor Günter Seubold.

»Geistige Zustände sind immer Hirnzustände, also physikalische Zustände.«

Hans Flohr, Neurobiologe

„In dieser Sicht ist Geist nichts anderes als Körper und damit ebenfalls Maschine“, sagt Santiago Ewig, philosophisch geschulter Mediziner und Leiter des Thoraxzentrums Ruhrgebiet.

In dieser naturwissenschaftlichen Gleichung haben Geistes- und Humanwissenschaftler keinen Platz und sehen ihre Existenz gefährdet. Deshalb laden sie in diesem Jahr beinahe monatlich zu Tagungen und Kongressen ein, um ihren Gegenstand, den freien Geist, vor naturwissenschaftlicher Reduktion zu retten.

Sie stellen der Hirnmaschine, die aus physikalisch-chemischen Zuständen und deren kausaler Wechselwirkung besteht, den Menschen entgegen, der aus frei gewählten, bewussten Gründen handelt: zwei unvereinbare Menschenbilder.

Wie sollen freier Geist und Maschine zusammen in ein Erklärmodell des Menschen passen? Dieser Frage gehen seit Jahresbeginn die Philosophen Julian Nida-Rümelin und Volker Gerhardt gemeinsam mit Naturwissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen in der Arbeitsgruppe „Humanprojekt“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften nach.

Rettungsversuch des freien Geistes

Ein ambitionierter Rettungsversuch des freien Geistes, denn durch scheinbar beweiskräftige Bilder und statistische Belege hat die moderne Hirnmaschinen-Forschung längst Deutungshoheit erlangt: Schließlich erzeugt sie nützliches Anwendungswissen, weil sie Gesetzmäßigkeiten in wiederholbaren Versuchen belegt – anders als die interpretierenden Geisteswissenschaften, die unwiederholbare Einzelfälle und Biografien aus deren jeweiliger Eigentümlichkeit heraus deuten.

(Sie sind jetzt auf Seite 1 von 7) nächste Seite

In diesem Artikel:

  1. Sie lesen jetzt Seite 1
  2. Seite 2
  3. Seite 3
  4. Seite 4
  5. Seite 5
  6. Seite 6
  7. Seite 7