Und dann war der Gipfel weg
Permafrost
27.12.2007, 10:19
Grossbild
Der Berg "fließt": Eine riesige Staubwolke zog durch das Hochpustertal, als im Oktober 60.000 Kubikmeter Geröll vom Gipfel des Einser abbrachen. (Foto: dpa)
Das Glück des Tüchtigen kann manchmal doch zu viel werden. Da sind die Landesgeologen von Tirol zum Bliggferner im Kaunertal aufgestiegen, um sich Verschiebungen in Gelände und Fels anzusehen, die dort seit Monaten Berg und Gletscher völlig neu modellieren. Man hat auch ein Fernsehteam mitgenommen, dem unerwartet dramatische Bilder in die Linse springen: Plötzlich bedrohliches Rumpeln, der Untergrund bewegt sich, Geröll und dicke Brocken purzeln und springen - auch die Geologen, die eilig Reißaus nehmen. Alles ist glimpflich abgegangen.
Das war einer der seltenen Fälle, bei dem Fachleute aus nächster Nähe eine der dramatischsten Umwälzungen in den Bergen beobachten konnten: In den Höhenlagen der Alpen taut im Gebirge der Permafrost auf, jener kältestarre Kern, der Gestein, Fels und Schutt wie Kitt zusammenhält. Die Alpen beginnen zu zerbröseln.
Unheimliche Beharrlichkeit
Das kann sich leise, aber mit dennoch unaufhaltsamer Wucht abspielen wie am Bliggferner. Hier sind mehr als vier Millionen Kubikmeter Gestein und Eis in Bewegung, sagt Gunther Heißel, Chef der Tiroler Landesgeologie, der auf dem Gletscher selbst dabei war. Die riesige Felsmasse "fließt" gleichsam zu Tal, 20 Zentimeter pro Tag, was nicht sehr spektakulär klingt, aber den Gletscher aufreißt, ihn mit tückischen Bruchlinien durchzieht, Gräben auftut, das Gestein zermahlt, alles aus dem Halt bringt. Mit unheimlicher Beharrlichkeit geht das Bersten, Schieben und Drücken die Nordflanke der Bliggspitze hinab, von der Ferne sieht man das als braune Bahn im Weiß von Schnee und Gletscher. Keiner weiß, wo das enden wird, wenn die Erde nicht zum Stehen kommt.
Denn nur zwei Kilometer westlich davon liegt der Gepatsch-Stausee, einer der vielen Hochgebirgsspeicher, die man als Energiereservoir und Wasserrückhalteanlagen über die Alpenregion verstreut hat. Gunther Heißel sagt, dass nach menschlichem Ermessen nicht wirklich Gefahr droht. Aber der "SuperGAU" wäre, dass sich Fels und Eis vom Bligg in den See ergießen. Der würde übergehen, vielleicht würde auch der Wehrdamm bersten, mit einer Sturzflut und kaum auszudenkenden Zerstörungen als Folge. Vor Jahrzehnten hat es ein solches Unglück in den italienischen Alpen gegeben. In Tirol aber werden gerade einige Hochspeicher für neue Kraftwerke konzipiert, eines davon im oberen Rofental, einem Seitenast des Ötztales. Hier aber ist jetzt schon Gelände in Bewegung, unter dem dereinst der Stausee liegen soll. Hier, so glauben Kraftwerksgegner, werde die Katastrophe geradezu vorausgeplant, wenn einmal ganze Bergflanken in das volle Staubecken stürzen könnten.
Bizarre Gestalt
Keine Panik, sagen die Geologen. Doch Vorzeichen für eine so unausweichliche wie dramatische Entwicklung für die Bergregionen gibt es genug: So tat sich vor gut einem Jahr ein gewaltiger Spalt an der Ostwand des berühmten Eiger auf, donnerten monatelang regelmäßig gewaltige Brocken und Steinlawinen zu Tal. Von Grindelwald aus pilgerten Touristen in Scharen zu diesem Schauspiel, ohne dessen Tragweite zu begreifen. Im Sommer brach ein ganzer Grat des Matterhorns ab, des wohl berühmtesten Berges der Alpen. Als erregendstes Szenarium ist der jüngste Vorfall in Erinnerung: Hinter Sexten in Südtirols oberem Pustertal krachte erst im Oktober eine ganze Zinne des Einserkofel ins darunterliegende Fischleintal. Amateurfilmer konnten den ungeheuren Schlag aufnehmen, bis auch ihnen weißer Staub die Sicht nahm, der danach tagelang die ganze Region vernebelte und alles zentimeterdick "zuschneite".
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