Von Markus C. Schulte von Drach

Wenn wir von "frostiger Atmosphäre" sprechen, kommen wir der Wahrheit näher als wir denken. Bei sozialer Isolation sinkt die gefühlte Umgebungstemperatur in den Keller.

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Soziale Beziehungen und gefühlte Temperaturen hängen offenbar zusammen. Kann heiße Suppe also helfen? (Foto: 3format/Photocase)

Hinter Begriffen wie "frostige Atmosphäre", "soziale Kälte" und "eisiger Blick" steckt offenbar mehr als nur eine Metapher für Einsamkeit, Ausgeschlossenheit und Ablehnung.

Die Betroffenen nehmen tatsächlich niedrigere Umgebungstemperaturen wahr als Menschen, die sich integriert und akzeptiert fühlen. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern der University of Toronto, Kanada. Dass wir auf solche Bilder zurückgreifen, um soziale Situationen zu beschreiben, hat demnach eine psychologische Basis.

Die Forscher Chen-bo Zhong und Geoffrey Leonardelli hatten 65 Versuchsteilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe von Studenten sollte sich an eine Situation erinnern, in der sie sozial integriert waren. Die übrigen wurden aufgefordert, an Augenblicke zu denken, in denen sie sich ausgeschlossen und allein gefühlten hatten.

Anschließend sollten die Probanden die Raumtemperatur schätzen. Wie sich herausstellte, lagen jene, die sich an Zeiten der Isolation erinnert hatten, im Schnitt um fünf Grad Celsius niedriger als die Mitglieder der Vergleichsgruppe. Allein der Gedanke an vergangene Ereignisse beeinflusste demnach ihre Wahrnehmung.

In einem zweiten Test erzeugten die Wissenschaftler bei 52 Studenten unter Laborbedingungen die betreffenden Gefühle. Die Versuchsteilnehmer wurden vor einen Computer gesetzt, um an einem virtuellen Online-Ballspiel teilzunehmen. Es ging darum, sich mit drei weiteren Personen einen Ball zuzuwerfen.

Tatsächlich allerdings kontrollierte der Computer diese drei Spielfiguren. Die Mitglieder der ersten Gruppe bekamen den Ball immer wieder zugeworfen. Sie waren in das Spiel integriert. Doch wer zur zweiten Gruppe gehörte, bekam den Ball gerade zweimal zugespielt - danach wurden sie von den Mitspielern ignoriert.

Nach dem Spiel sollten alle Teilnehmer angeben, welches von fünf unterschiedlichen Produkten sie jetzt gern hätten. Die Auswahl bestand aus einem heißen Kaffee, einer warmen Suppe, einem Apfel, Keksen oder einer kalten Cola. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin Psychological Science (September 2008, im Druck) berichten, bevorzugten die vom Spiel ausgeschlossenen Studenten warme Produkte besonders häufig.

"Soziale Isolation fühlt sich buchstäblich kalt an"

"Die Erfahrung sozialer Isolation", fasst Zhong zusammen, "fühlt sich buchstäblich kalt an. Deshalb benutzen wir zur Beschreibung solcher Erfahrungen Metaphern, die sich auf die Temperatur beziehen."

Ihre Forschung deute darauf hin, so fügte Leonardelli augenzwinkernd hinzu, "dass warme Hühnersuppe helfen könnte, mit sozialer Isolation umzugehen."

Auf einen umgekehrten Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und der Temperatur hatte bereits kürzlich eine Studie von Forschern der Yale University in New Haven, Connecticut, hingedeutet.

John Bargh und Lawrence Williams hatten Studenten gebeten, fiktive Personen anhand einer Reihe vorgegebener neutraler Charaktereigenschaften wie intelligent, geschickt oder fleißig einzuschätzen. Zuvor allerdings waren sie im Fahrstuhl gebeten worden, für einen Assistenten kurz ein Getränk festzuhalten. Handelte es sich dabei um warmen Kaffee, so fiel die Beurteilung eher als "warm, großzügig, sozial" aus als wenn die Probanden zuvor einen Eiskaffee gehalten hatten.

Die Ergebnisse seiner kanadischen Kollegen überraschen Bargh deshalb nicht. Die sogenannte Insula, ein Teil der Großhirnrinde, spiele eine Rolle sowohl bei der Wahrnehmung der Körpertemperatur als auch der allgemeinen psychologischen Befindlichkeit, erklärte er der New York Times. Möglicherweise würden dort die sozialen Wahrnehmungen und die Gefühle von Wärme und Kälte vermischt.

Ihre Ergebnisse, so schreiben die kanadischen Wissenschaftler, "eröffnen neue Möglichkeiten, die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Psychologie zu erforschen". So wäre es interessant zu prüfen, ob der Umgang mit einem warmen Gegenstand tatsächlich die negative Erfahrung sozialer Isolation abschwächen könnte, und welche Rolle die tatsächliche Umgebungstemperatur dabei spielt.

So wäre etwa denkbar, dass sozial isolierte Menschen im Winter ihre Gefühle zum Teil auf die niedrigen Temperaturen zurückführen könnten - und sich demnach weniger ausgeschlossen fühlen. Im Sommer könnten die hohen Temperaturen dagegen helfen, die negativen Auswirkungen zu kompensieren. "Eine Kontrolle der Umgebungstemperatur könnte somit ein relativ billiger und harmloser Weg sein, den Gruppenzusammenhalt zu stärken und schädliche Reibereien zu vermeiden."

Es könne sogar sein, so Zhong und Leonardelli, dass winterliche Temperaturen das Gefühl sozialer Isolation verstärken und so neben dem Lichtmangel die Gefahr von Winterdepressionen erhöhen.

Wer also seinen Freunden in den kommenden Monaten etwas Gutes tun möchte, sollte ihnen stets einen warmen Empfang bereiten, nicht die kalte Schulter zeigen und sie hin und wieder zu einer heißen Suppe einladen.

(sueddeutsche.de/gf)

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Leserkommentare (2)



25.09.2008 17:59:08

apfelbutzn:

ihre Forschung deute darauf hin, so fügte Leonardelli augenzwinkernd hinzu, "dass warme Hühnersuppe helfen könnte, mit sozialer Isolation umzugehen.

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zur not tut's auch beuys berühmter filzanzug gegen soziale kälte ;-)


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