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"Moral steckt im Erbgut"
Psychologische Forschung
08.12.2006, 21:18
Menschlicher DNA-Strang: Wo steckt das ethische Empfinden? (Foto: dpa)
Als der Harvard-Professor Marc Hauser, 47, vor bald fünf Jahren gemeinsam mit dem Linguisten Noam Chomsky über den Sprachinstinkt des Menschen forschte, kam ihm der Einfall, Moral könnte ähnlich funktionieren. Denn beide basieren auf Regeln.
Völker sprechen zudem verschiedene Sprachen, genauso wie sich von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägte Wertvorstellungen finden. Und wie alle Sprachen grammatische Strukturen teilen, gibt es auch in der Moral Konstanten. Etwa das Gebot, nicht zu töten.
Mit diesem schlichten Befund gewappnet, wandte sich der Experte für Tierintelligenz an seine Bostoner Kollegen und erkundigte sich, welche Naturwissenschaftler die Analogie bisher genauer unter die Lupe genommen hatten. Die Antwort: niemand.
Und schon hatte er ein neues Projekt am Hals. Das vorläufige, viel diskutierte Ergebnis seiner Forschungen liegt jetzt mit dem Buch, "Moral Minds" vor. Die Idee ist neu, das letzte Wort noch nicht gesprochen.
SZ: Das 20. Jahrhundert war die blutigste Epoche der Menschheit. Aber Sie behaupten, dass uns moralische Regeln angeboren sind. Kommen Ihnen da nicht manchmal Zweifel?
Hauser: Nein. Es ist naiv zu behaupten, dass Moral allein zu einer besseren Welt führen müsse. In unserer Stammesgeschichte diente Moral dem Zweck, das soziale Leben einer Gruppe zu regeln. Weltfriede war nie das Ziel.
SZ: Aber warum sollte Moral angeboren sein? Wenn mir meine Eltern erklären, ich solle meine Schokolade teilen oder nicht lügen, dann stammt das doch aus meiner Umwelt.
Hauser: Sicher. Aber wir haben moralische Regeln entdeckt, derer sich die Menschen nicht bewusst sind - und die sie folglich auch nicht weitergeben können. Mein Vorschlag lautet, dass wir moralischen Sinn ähnlich wie Sprache erwerben.
Nach Chomsky gibt es eine im Hirn verankerte Universalgrammatik, aus der Kinder je nach Umwelteinfluss ihre Muttersprache entwickeln. Wir erlernen die erste Sprache nicht, wir erwerben sie vielmehr, wie uns ein Arm wächst. Bei der Moral ist es offenbar ähnlich. Es gibt auch hier eine Art Tiefengrammatik, die hilft, uns die jeweilige Moral unseres sozialen Umfelds strukturiert anzueignen.
SZ: Für den moralischen Kompass gibt es also eine unbekannte Mechanik?
Hauser: Genau. Wir können meist ohne groß zu überlegen sagen, ob eine Handlung gut oder schlecht ist. Philosophen bewerten Handlungen meist auf zweierlei Weise: entweder utilitaristisch, da zählen allein die Konsequenzen, oder deontologisch, dann kommt es nur auf die Handlung, nicht auf die Folgen an.
Aber bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass wir so nicht denken. Das sind nur nachträgliche Rekonstruktionen. Wir müssen aber die Regeln finden, die unsere primären ethischen Intuitionen leiten.
SZ: Wie stellen Sie das an?
Hauser: Wir betrachten moralische Dilemmas. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie stehen neben einem Bahngleis an einer Weiche. Außer Kontrolle geraten, rast ein Waggon heran. Auf der links abzweigenden Spur macht sich eine Gruppe von fünf Eisenbahnarbeitern zu schaffen, rechts ein einziger.
Unternehmen sie nichts, schwenkt der Waggon links ab und tötet die fünf Männer. Indem sie den Weichenhebel umlegen, können sie die Fünf retten und nur einen opfern. Die meisten Menschen antworten, sie würden den Waggon umleiten.
In einem anderen Szenario können sie einen schweren Mann von einer Brücke auf die Gleise stoßen, um den Waggon aufzuhalten. Diesmal geben fast alle an, das sei unvertretbar, obwohl das Ergebnis doch in beiden Fällen das gleiche wäre.
SZ: Das könnte ein geschickter Philosoph vielleicht erklären.
Hauser: Nicht mit dem gängigen Werkzeug. Ein Utilitarist würde nur auf das Ergebnis schauen, also beide Handlungen absegnen, ein Deontologe beide Möglichkeiten ablehnen, da Töten falsch ist. Es gibt also unterschwellig eine andere Regel, der unsere Intuition folgt.
SZ: Und die wäre?
Hauser: Wir unterscheiden beabsichtigten und vorhergesehenen Schaden. Wer die Weiche umstellt, sieht voraus, dass der einzelne Arbeiter sterben wird, beabsichtigt das aber nicht. Wer den Mann von einer Brücke stößt, will ihn dagegen töten, um die anderen zu retten.
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