Von Werner Bartens

Sam Shuster, emeritierter Professor der Universität Newcastle upon Tyne, hat Aggression und Humor mit einem abenteuerlichen Freilandexperiment erforscht.

Forschung mit dem Einrad. (Foto: dpa)

Für manche Menschen ist es nicht leicht, den Ruhestand zu ertragen. Oft suchen sie ihren alten beruflichen Tatort auf oder finden andere Mittel und Wege, um ihre Umgebung zu irritieren. Wie die Mitmenschen auf derartige Konstellationen reagieren, wollte Sam Shuster, ein emeritierter Professor für Dermatologie an der Universität Newcastle upon Tyne, erforschen und hat hierzu ein abenteuerliches Freilandexperiment unternommen.

Herausgekommen ist eine wilde Theorie zur Entwicklung von Aggression und Humor, politisch korrekt unterteilt nach Geschlechtern (British Medical Journal, Bd.335, S.1320, 2007).

Sam Shusters Versuchsanordnung war in jeder Hinsicht einseitig. Ein Jahr lang fuhr der ehemalige Hautarzt jeden Tag mit einem Einrad durch seinen Heimatort und registrierte penibel die Reaktionen der Anderen. Um nicht zu beeinflussen, wie und was die Leute ihm entgegneten, trug er auf dem Einrad immer ähnliche Kleidung und versuchte einen "neutralen" Gesichtsausdruck zu machen, wie immer das bei einem Engländer auch aussehen mag.

Mehr als 400 Reaktionen zeichnete der radelnde Professor schriftlich auf. 90 Prozent der unfreiwilligen Verkehrs- und Versuchsteilnehmer reagierten demnach körperlich - von wüsten Drohungen, starrem Blick, freundlichem Lächeln bis zu einer Bewegung, die - freundlich ausgedrückt - massives Unverständnis signalisierte, reichten die Entgegnungen. Weniger als fünf Prozent der Probanden, zumeist ältere Herrschaften und weibliche Teenager, zeigten gar keine Reaktion. Weniger als zwei Prozent ärgerten sich über die Einradelei oder fürchteten sich vor Unfällen - zumeist waren dies ältere Herrschaften am Stock.

Lobpreisungen und Drohungen

Mehr als 50 Prozent aller Reaktionen waren verbaler Natur. Während die weiblichen Entgegnungen jedoch zu 95 Prozent Lobpreisungen, Anerkennung oder Sorge umfassten, äußerten sich nur etwa 25 Prozent der männlichen Probanden so mitfühlend positiv. Männer und männliche Jugendliche machten sich zumeist über den Einradfahrer lustig oder hielten ihn für einen Einfaltspinsel. Mehrfach wurde ihm auch angedroht, seine Verkehrsteilnahme abrupt zu beenden.

Shuster stellte bei der Analyse seiner Daten eine Alters- und Geschlechtsabhängigkeit fest. Mit Kindern im Vorschulalter dominierten noch grundsätzliche Fragen und Feststellungen: "Was ist nur mit seinem Lenker passiert?", fragte ein Vater seinen Dreijährigen. Ein Vierjähriger hingegen sagte: "Mama, sein Rad ist kaputt, er hat nur noch eins." Im Grundschulalter herrschte der Wunsch nach Nachahmung vor. Die Kinder fragten, ob es schwer zu lernen sei, wo man ein Einrad bekomme und wie viel es koste.

In der Pubertät wurden die männlichen Antworten immer aggressiver und lustiger: "Sollen wir dich plattmachen?" oder beim Fußball: "Hey, da ist ein neues Ziel". (Zumindest halten britische Dermatologen so etwa wohl für lustig.) Die jungen Damen begannen hingegen mit freundlichen, aufmunternden Bemerkungen ohne jeden Humor - etwa: "Dazu muss man bestimmt ein wahnsinnig gutes Gleichgewichtsgefühl haben."

Die männlichen Reaktionen wurden auch bei Erwachsenen nicht freundlicher, blieben aber, so Shuster, gewohnt neckisch. Typische Fragen von Männern waren etwa: "Wohl ein Rad ab, was?" oder "Das andere konnten sie sich wohl nicht leisten?" Shuster kommt daher zu dem Schluss, dass mit steigendem Testosteronspiegel der Humor zunimmt und die Aggression steigt. Dazu würde passen, dass die älteren Männer - deren Testosteronspiegel wieder niedriger sind - weniger aggressiv und auch mit weniger Witz reagierten. Shuster kommt nach einem Jahr voller Schmähungen, Beschimpfungen und Spötteleien jedoch zu dem Schluss, dass die männliche Aggression wohl ein zu hoher Preis für diese Art von Humor ist.

(SZ vom 22.12.2007)

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